Ich in Mir.

Ich in Mir

Manche Leute behaupten ja, die Sache mit der Schwangerschaft bringe einen an „die Grenze“. Mit zwei Kindern im Schlepptau ist das ganz bestimmt eine Seite der Medaille. Andere sagen, es gehe „back to the roots“ und vielleicht meinen sie nur die Beschränkung auf das Nötigste, das im Haushalt getan werden muss. Vielleicht meinen sie aber auch, was viele als Veränderung im Verhalten der Schwangeren wahrnehmen oder (im schlimmsten und ungerechtesten Fall) als hormonell bedingte Befindlichkeitsstörung mit Tendenz zur Zickerei. Letzteres ist ziemlich gemein und vor allem ziemlich falsch. Ich würde eher sagen es ist ein Zurück zu den eigenen Wurzeln, zurück zu Mir im Ich. Auch wenn das vielen Menschen ziemlich auf den Schlips tritt, dieses Ich.

Das ist schon wieder kryptisch formuliert? Mhm, liegt es an den Hormonen? Nein, Scherz beiseite. Ich erkläre es Euch.

Ich habe das Gefühl, jede Schwangerschaft kostet mich einen gewissen Prozentsatz an Freunden bzw sagen wir besser Sympathiepunkten bei Freunden. Sonst hätte ich bald keine mehr. Aber Sympathiepunkte kann man verlieren, ohne die Freunde ganz zu verlieren. Das passt besser. Wie ich das mache? Tjanun. Ich würde gerne sagen: „Keine Ahnung.“ Aber ich weiß es besser. Denn ich sage Dinge, die einfach keiner hören will. Ich ertrage viele Dinge, die ich sonst gleichmütig stundenlang kopfschüttelnd begleiten kann, schwanger einfach nicht. Weil ich sie unsinnig finde. Statt, wie sonst ganz brav und sozial angepasst zu lächeln, zu nicken und hinterher mit den Augen zu rollen, rollen meine Augen schwanger schon jetzt. Beim bloßen Gedanken. Ich werde wirklich fuchsig, wenn ich fürchte, dass Menschen in meiner Umgebung sich hinter Floskeln verstecken, statt einfach den Arsch in der Hose zuhaben, den es braucht, um „Nein“ zu sagen. Ich will gerade nicht milde lächelnd durchgehen lassen, wie Leute mir ins Gesicht lügen, weil sie den Konflikt scheuen.

War das jetzt fies? Hoppla.

Ich in MirNachdem jeder, der sich persönlich oder virtuell mit mir auseinandersetzen muss, einmal überprüft hat, ob ich ihn meinen könnte und vielleicht schon anfängt etwas sauer zu sein: Keine Sorge. In meiner aktuellen Stimmungslage bin ich sicher, Ihr wüsstet bereits LANGE, wenn ich von Euch spräche. Denn genau darin liegt mein aktueller Sympathiepunkte-Fresser: Ich sage, wenn ich Dinge für bekloppt halte. Wohlgemerkt: Dinge und Verhalten. Menschen so generell in eine Schublade zu stecken, kann ich meistens gerade noch so vermeiden. Auch wenn es mir manchmal nur verstandesmäßig gelingt… Ihr wisst, was ich meine.

Die Ursache für sowas? Also so eine Julia?  Ganz banal: Wer weniger Kraft zur Verfügung hat, muss anders damit haushalten. Und die Frage, wer zuerst Kraft und Aufmerksamkeit bekommt, stellt sich den meisten Schwangeren zum Glück nicht- Logo, die eigene Familie natürlich. Oft reicht meine Kraft und meine Geduld allerdings nicht mal für uns vier. Ein Schelm, der fragt, wie sie dann für fünf Leute reichen soll. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich, erstmal entschwangert, auch wieder mehr Kraft und Geduld haben werde. Und  wehe einer von Euch widerspricht.

Wehe!

Ist das denn jetzt schlimm? Also, die begrenzten Ressourcen, die Axt-im-Walde-Julia und all das? So mittel. Mich kostet es vorrangig mal wieder eines: Kraft. Weil ich mich am Ende abends im Bett ärgere, dass ich im Wortgefecht außer Stande war, die logische Lücke in einigen Argumentationen klar aufzuzeigen. Oder mein Gegenüber hat sich auf eine Strategie verlegt, der ich einfach nicht entfliehen kann: „Jaaa Julia, die Hormone….!“

Das beschert mir regelmäßig graue Haare. Denn das letzte Mal, dass ich so dermaßen NICHT ernst genommen wurde, wie während der Schwangerschaften war vermutlich mit vier. In etwa. Verbessert zwar oft mein Verständnis für den Vierjährigen, wenn ICH ihn nicht ernst genug nehme. Also immerhin den positiven Nebeneffekt hat es.

Aber der Kern meiner Wut auf das Nicht-Ernst-Nehmen ist: Ich bin vielleicht ungemütlich und nicht besonders niedlich zur Zeit. Aber ich bin so nah an mir selbst, wie ich es sonst vor lauter Alltag und Gesellschaftskonvention selten bin. Mag sein, dass es an der bildlichen Konzentration auf den strampelnden Kraken in meiner Körpermitte liegt. Mag sein, dass man das eigene Selbst in kräftezeherenden Situationen am häufigsten findet. Aber es ist wie es ist. Und es ist mörderisch gemein, dieses innerste und nahste Ich so zu verunglimpfen, indem man es „Hormone“ nennt und abwinkt.

Der Vollständigkeit halber:

WochenIch in Mirende in Bildern 21.-23.07.2017Es gibt durchaus Dinge in meinem aktuellen Verhalten, bei denen ich selbst hoffe, es seien nur die Hormone. Wirklich. Ich bin zum Beispiel ab einem gewissen Punkt des Hungers (und der tritt etwa alle 45 Minuten auf) völlig außer Stande, mir etwas zu Essen zu suchen und dann wieder normal zu werden. Stattdessen lehne ich jedes Angebot zunehmend böse werdend ab, weil ich (wirklich, ich schwöre es!) nichts davon wirklich essen will. Sollte nach einigen Minuten keine Lösung gefunden sein, obwohl ich permanent alles ablehne, gibt es großes Geschrei, Geheul und im Zweifel Vorwürfe an den Kerl, der nicht mal seine Frau satt bekommt. Dass er alle dreiviertel Stunde vor dieser Aufgabe steht und von mir wirklich keinerlei Hilfe zu erwarten ist, zählt in diesem Moment nicht.

Zu sagen: „Das ist kein Zuckerschlecken“ wäre ein arg blödes Wortspiel. Aber Ihr könnt mir glauben: für mich ist es auch scheiße. Weil ich weiß, dass das alles Murks ist und dennoch nicht wirklich aus der Spirale raus komme. Alberner Weise ausgerechnet beim Essen. Etwas, das wir nun wirklich zu genüge und immer im Haus haben. An jeder Ecke eine Dönerbude und Pizzarias wie Sand am Meer. Aber ich muss heulend am Straßenrand sitzen, weil ich verhungere. Ich möchte über mich selber einmal fürchterlich die Augen rollen.

Davon aber abgesehen…

Wenn ich aber eine Meinung außerhalb des Themas Essens äußere könnt Ihr sicher sein: Ich meine das schon so. Ziemlich genau SO. Könnte sein, dass ich es aus strategischen Gründen nach der Schwangerschaft relativieren muss. Aber ich hoffe sehr, ich muss nicht. Denn nur, weil etwas nicht in das Bild einer netten, gut gelaunten Rollmops-Schwangerschaft passt, ist es nicht automatisch den Hormonen geschuldet. Man kann auch schwanger noch denken und obwohl viele Punkte wie Schlafmangel ohne Frage das logische Denkvermögen beeinflussen können, kann ich nach wie vor im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte ein Urteil fällen. Und ich erwarte von meiner Umgebung, dass sie mich darin Ernst nimmt. Oft genug scherzen wir alle zusammen über die Auswirkungen, die so eine Schwangerschaft (ja auch nicht zum ersten Mal) bei mir hat. Schließlich bedeutet schwanger zu sein nicht, den Verstand und jedes Reflexionsvermögen zu verlieren. Aber sobald ich aussehe, als meinte ich etwas Ernst, seid gewahr: Das tue ich. Auch wenn es unbequem und unpassend ist. Das bin ich. In Mir. Und da möchte ich gerne noch eine Weile bleiben, also gewöhnt Euch bitte daran.

Bis dahin ist Kinder küssen aber auch immer eine gute Strategie!

Eure Julia

 

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2 Kommentare

  1. Es ist schade wenn sich Freundeskreise in Luft auflösen. Wenn du allerdings mehr bei dir bist und deine Freunde dieses mehr nicht ertragen, dann ist es vielleicht auch besser so, verbunden mit der Hoffnung das du Menschen hast die dich voll und ganz ernst nehmen und nicht sagen: „haha, hör ihr nicht zu, denn sie ist schwanger…“

    Ich kenne solche Gespräche. Leute die sagen: „die Hormone…“, aber diese Leute sagen auch noch ganz andere Sachen und sind selten da, wenn man sie braucht. Dann ist nämlich immer irgendetwas anderes wichtig…. und ihre Sprüche einfach nur entlarvend.

    Es ist so dieses Ding was mir bei deinem Beitrag einfällt: Also das Leute versuchen jemanden von ihrer Meinung zu überzeugen, und wenn man ihnen widerspricht und ihre Meinung nicht teilt, dann sagen sie: „das liegt nur an…“ und da kann man jetzt alles mögliche einfügen
    „daran das du schwanger bist…“
    „daran das du gerade deine Periode hast…“
    „daran das du depressionen hast…“
    „daran das du heute einen schlechten tag hattest…“
    „daran das du gerade nicht klar siehst…“

    ….
    „… sonst würdest du mir ja zustimmen…“

    und das ist BS
    ganz großer Mist.
    letztendlich kommt immer das selbe dabei raus und diese Art von Menschen, nimmt einen eh nicht ernst.

    Ich wünsche dir Menschen die keine Arschlöcher sind.

    1. Wohl wahr. das Gute ist in meinem Fall: Die wenigsten sind so. Aber Du hast Recht, es scheint einfach Menschen zu geben, denen es schwer fällt, andere ernst zu nehmen. Und DAS ist in allen Situationen dämlich. 🙂
      Einmal mehr bin ich froh um die Vielen, die eben nicht so sind <3

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