Geld allein macht auch nicht glücklich?

Geld allein macht auch nicht glücklich?

Diesen Satz  kenne ich nahezu ausschließlich von Leuten, die für mein Empfinden mehr als genug Geld haben. Und so langsam geht mir diese Einstellung gehörig auf den Zeiger. Denn dahinter steht eine Art von Überheblichkeit (im Schlimmsten Fall) oder Unbedachtheit (im besten Fall), die mir in der Seele weh tut. Nein, keine Sorge, Geld allein macht nicht glücklich. Das kann ich aber hauptsächlich deswegen so sicher sagen, weil wir keine akuten Geldsorgen haben. Sonst sähe dieser Text ganz schnell ziemlich anders aus!

Ich weiß ja, über Geld spricht „man“ nicht. Aber diesen Luxus leisten sich auch hauptsächlich entweder die Leute, die genug davon haben oder die, die so wenig davon haben, dass sie gar nicht wüssten, wie sie ihren Mangel ausdrücken sollten. Und während erstere sich damit in Sicherheit wiegen, drehen sich letztere in einer Spirale von Angst und Ärger, in der sie nie sicher wissen, wie sie den nächsten Tag finanzieren sollen. Diese Angst zehrt und kostet Kraft. Aber die Scham und die Angst, mit diesem Problem alleine zu sein sind die Dinge, die diesen Leuten dann den Rest geben. Weil „man“ nicht darüber spricht.

Ich mach das jetzt einfach doch mal.

Geld allein macht auch nicht glücklich?
Gibts nicht umsonst.

Weil ich nämlich mit dem liebsten Wikingergatten auch schon Zeiten hatte, in denen wir zu zweit nach Abzug der Fixkosten mit 300 Euro im Monat klar kommen mussten. Inklusive Kettenrauchen (damals noch ohne Kinder…). Wir waren völlig aufgeschmissen, als das heißgeliebte Auto einen Totalschaden hatte, weil ohne Auto auch jede Aussicht auf einen neuen Job zerstört war. Allein mit viel Hilfe von Freunden und Familie ließ sich das Dilemma lösen und glaubt mir, ich will das mal nicht romantisieren: In diese Zeiten, so schön sie waren, möchte ich echt nicht zurück. Denn ich hasse es, wenn ich beim Einkaufen jeden Cent zählen muss, nur um dann festzustellen, dass es um zehn Cent doch nicht für Naschkram reicht. Ich werde wirklich wahnsinnig, wenn mir mein Geldbeutel den Speiseplan diktiert statt meines Magens. Es treibt mir die Zornesröte ins Gesicht, wenn ich Freunden absagen muss, weil ich das Geld für den Bus nicht habe. Und ich möchte heulen, wenn ich unterwegs so tun muss, als sei ich furchtbar satt und gar nicht durstig, weil ich mir die Cola und die Pommes nicht leisten kann.

Wir waren damals zwei Erwachsene.

Aber die Welt ist voll von Konstellationen, in denen Eltern mit ihren Kindern in so einem Mangel leben. Noch schlimmeren Situationen. Wenn man sich überlegt, was ein Paar neuer Kinderschuhe kostet und dass Kinder pro Halbjahr mindestens zwei Paar davon brauchen, kommt man ganz schnell zu der Frage: Essen oder Laufen? Denn selbst für zB Flohmärkte braucht eine Familie zum richtigen Zeitpunkt (Termin Flohmarkt) eine Menge X an Geld, die am Ende aber nicht in der Lebens-Kasse fehlen darf. Wenn jetzt aber eine Woche vorher Ausflug mit dem Kindergarten war… Tja. Für solche Familien werde ich fuchsteufelswild, wenn ich höre „Geld macht nicht glücklich.“. Das ist schlicht nur die halbe Wahrheit. Denn kein Geld zu haben, macht genauso wenig glücklich, ihr Lauchzwiebeln!

Bitte kein Drama?

Naja, Drama ist eine sehr relative Sache. Für mich ist es schon dramatisch, wie viele Familien ich kämpfen und sparen sehe, ohne dass da je Land in Sicht wäre. Für mich ist auch mehr als dramatisch, wie diese Familien durch solche lapidar dahingesagte Sätze ins Aus geschossen werden. Denn welcher Mensch mit Geldsorgen vertraut sich noch einem anderen an, wenn er ständig solche Sprüche zu hören bekommt? Dabei ist manche Situation einfach nicht anders zu lösen als so: Mit Hilfe. Und um die bittet keiner auf Dauer gern. Wie kommen wir also auf die Idee, lustige Sätze wie „Ach, so ein paar Euro treibt man doch immer auf!“ in den Raum zu werfen? Nein, tut „man“ nicht! Ich treibe meistens noch irgendwo ein paar Euro auf, wenn ich sie brauche, weil ich in einer unfassbar luxuriösen Situation stecke. Aber genau dieser Luxus sollte einem unbedingt bewusst sein! Das ist nicht selbstverständlich. Es ist nicht mein Recht. Es fällt mir nicht in den Schoß weil ich Sterntaler bin oder die Welt ein Ponyhof. Und vor allem: Es gibt so irre viele Leute, bei denen es anders ist.

Der schöne Mammon

Geld allein macht auch nicht glücklich?
Gibts umsonst, macht aber nicht satt.

Menschen, denen es wirtschaftlich gut geht, sind schnell mit dabei, solche, die am unteren Rand der Wirtschaftlichkeit um ihre Lebensqualität schachern müssen, mit unbedachten oder schlicht fiesen Sätzen zu diffamieren. Meistens nicht mal absichtlich. Aber das macht die Sache ja nicht besser. Leider gibt es nicht viel, was gegen diese Blindheit hilft. Und vor allem liegt der Hauptteil der Arbeit wieder bei jenen, die eh schon genug zu tun haben: Denn nur die Leute, die selbst in Geldnot stecken, können denen, die so blind für den eigenen Luxus sind, die Augen öffnen. Leute, die am Anfang des Monats schon nicht wissen, wie sie es bis zum Ende schaffen sollen, müssten laut werden. Sichtbar und hörbar. Aber wer gibt schon gerne zu, arm zu sein? Und wer schafft es, sich über diese Scham hinwegzusetzen, die irrwitziger Weise Leute mit viel Geld jenen mit wenig Geld einreden? Es ist so paradox: Man müsste eben doch übers Geld bzw dessen Abwesenheit reden. Ganz offen. Das würde vielleicht helfen. Reicher würde davon vermutlich auch keiner. Aber vielleicht käme das ein oder andere Hilfsangebot dann, ohne dass darum gebettelt werden muss? Oder wenigstens das Bewusstsein, dass sich niemals derjenige schämen muss, der im Mangel lebt. Sondern immer der, der im Luxus schwelgt und es nicht einmal merkt. Peinlich sollte es sein, fast neue Schuhe oder Klamotten wegzuwerfen. Nicht, gebraucht und Second Hand welche zu kaufen. Diese verdrehte Logik macht mich noch irre!

Ich wünsche allen Familien, die ich kenne auf alle Zeit genug Geld, um sagen zu können: „Das alleine macht mich auch nicht glücklich. Deswegen kann ich heute das Nachbarskind auf ein Eis einladen.“

Das würde mich glücklich machen.

Küsst die Kinder und kuckt nicht aufs Konto…

Eure Julia

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6 Kommentare

  1. Achtsamkeit und Transparenz! Wirklich mal wieder schöne Worte, liebe Julia!
    Nach 3 Jahren Elternzeit und sich stätig wiederholenden Monaten, in welchen ich Anfang des Monats wusste, „Oh, das mit den 100€ in der Woche für uns drei wird aber knapp.“, sag ich voller Inbrunst und Liebe:“Geld allein macht nicht glücklich.“ Ich weiß, dass ich noch immer in einem ziemlichen Luxus lebe und dass du vermutlich nicht über uns schreibst, auch wenn ich manchmal unser Altglas entsorge, um Milch zu kaufen und ich immer mal wieder Verabredungen absage, da die Fahrt nicht drin ist, aber verrückter Weise können wir uns noch stets den Standard leisten, der gut ist. Es müssen ja keine Markenklamotten sein und mit etwas Glück findet man auch 2nd hand nettes Spielzeug und das mit dem neuen Kleidchen wird halt erst was zum Geburtstag, aber ich bin der felsenfesten Überzeugung das allerbeste zu tun, indem ich mit dem Zwerg durch den Tag streuner und ihm und mir die Zeit gönne, auch wenn wir an manchen Ecken knappsen.
    Vielmehr bin ich erstaunt, welch ein Stellenwert dem Geld beigemessen wird. Wenn ich den Gesprächen an unserem Küchentisch lausche, bringen die unterschiedlichsten Menschen das Thema immer wieder auf den Tisch. Da unterscheidet sich der bezaubernde Straßenmusiker nicht zu dem smarten Großverdiener, nur in den Ideen es anzusammeln und in diesen Momenten da frage ich mich doch:“Und was ist daneben?“ Und ich verstehe, dass es natürlich ein großes Thema ist, da es unsere Wünsche und Sorgen beherbergt und das gerade Männer (ähm hallo…, Emanzipation…) mit dieser Frage zu kämpfen haben, aber es interessiert mich dann vielmehr :“ Wenn du es hättest, wärest du dann glücklich?“ oder aber,“ Na und da du es hast, bist du glücklich?“ Das Drumherum finde ich in Wirklichkeit viel spannender und am Ende steht immer:“Bist du glücklich?“

  2. Liebe Julia,

    ich verstehe deinen Ärger. Ich bin auch der Meinung, dass Menschen, die mehr als genug haben, armen Menschen etwas abgeben können. Sollen. Müssten. Ich tue das auch selbst und unterstütze monatlich zwei Patenkinder im Ausland. So viel vorne weg. Trotzdem gebe ich keinem Bettler auf deutschen Straßen Geld, weil es mich ärgert, dass die denken, mein Geld fällt vom Himmel und sie hätten ein Recht auf einen Teil davon. Einem Kind würde ich jederzeit ein Eis kaufen. Oder von unserem Spielplatz-Snack abgeben. Kinder haben zum Glück keine Scham, zu fragen. Wenn ich etwas nicht mehr brauche und es ist noch gut, werfe ich es nicht weg, sondern verschenke es. Das sind so Kleinigkeiten, die man tun kann, ohne dass irgendjemand sein Gesicht verliert und alles, was ich investiere, ist Zeit.

    ABER: Wenn jemand sagt, Geld macht nicht glücklich, dann bezieht sich das in der Regel absolut nicht auf solche Situationen, die du beschreibst. Niemand meint damit, dass man ohne Geld automatisch glücklich ist. Das ist ein Spruch für die Menschen, die denken, immer mehr Geld könnte sie immer glücklicher machen. Nicht die, die ein Auto brauchen, um überhaupt einen Job zu finden. Sondern die, die meinen, wenn sie mit einem noch schnelleren, teureren, größeren Auto zu einem noch besser bezahlten Job fahren und abends in ein noch luxuriöseres Haus heimkehren, wären sie einen Deut glücklicher. Denn am Ende sind sie es nicht. Menschen machen und glücklich, wir selbst machen uns glücklich. Nicht Geld. Auch Menschen mit weniger Geld sind nicht glücklich, wenn sie mehr Geld haben. Sie sind glücklich, wenn sie frei von essentiellen Ängsten sind, wenn sie ihr Leben aus eigener Kraft im Griff haben und füreinander sorgen können. Das Geld ist es nicht, das sie glücklich macht, sondern das, was sie mit dem Geld kaufen können.

    1. Moin liebe Hanna!
      Ganz grundsätzlich vorneweg: ich finde es super, dass Du Patenkinder unterstützt und jederzeit Kindern ein Eis spendieren würdest.
      Woher Du aber die Gewissheit nimmst, ein Bettler auf der Straße würde denken, das Geld fiele vom Himmel, nimmt mich Wunder. Weil er in der Regel sitzt und du stehst? 😉 Im Ernst: Ich kenne zu viele Situationen, um pauschal sagen zu können: Kinder im Ausland sind super, Bettler in Deutschland nicht. Deswegen kann ich deine Aussage auch maximal relativieren, nicht aber widerlegen. Mag durchaus sein, dass Du recht hast. ich hoffe es aber nicht…
      Zu guter Letzt: Worauf sich dieses Sprichwort bezieht, ist den meisten von uns durchaus klar. Das bedeutet aber mitnichten, dass es ausschließlich in diesem Kontext verwendet würde. Ganz im Gegenteil ist es wie beschrieben so, dass es eine bedenkenlos dahingesagt Floskel werden kann, die zumeist einfach den ganz umgekehrten Weg geht wie vorhergesehen. Von Reich in Richtung Arm nämlich. Und das ist völlig daneben. Wenn ein Millionär zum anderen das sagt, habe ich nichts dagegen. Wenn jemand in einer mit meiner vergleichbaren Situation das sagt, mag mich das ärgern, aber er hätte vermutlich dennoch etwas Wahres gesagt. Wenn ich das aber zu einer Freundin sagte, die jeden Tag aufs Neue alles zusammenkratzen muss, dann ist das schlicht: Daneben.
      Danke Dir für deine Meinung liebe Rubbelmama!
      <3

  3. Liebe Julia,
    vielen Dank für diesen Post. Ich würde irgendwie gern wahnsinnig viel dazu sagen, aber mehr als dass Du mir aus der Seele sprichst, dass Du den Kern triffst, dass das Gespür dafür verloren gegangen ist, dass viele in Luxus leben, dies aber nicht erkennen, kriege ich grad nicht hin. Bleierne Müdigkeit nach Weihnachten mit 2 mittelkleinen Kindern, Schichtarbeit und so.
    Danke jedenfalls für Deinen direkten Blog. Davon sollte es viel mehr geben als die „schaut wie toll ich bin, ich mach alles richtig“ Blogs.

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