Gastbeiträge im Wochenbett: Sterbebegleitung

Ihr Lieben, sie mutet etwas seltsam an, diese Kombination der Wörter „Wochenbett“ und „Sterbebegleitung“, nech? Aber es gibt einen ganz einfachen Grund, warum dieser Gastbeitrag der erste in einer Reihe wird, die mir und meiner Familie Luft und ganz viel Zeit zum Kuscheln zu fünft ermöglichen: Ich glaube, es gehört ganz eng zusammen, das Sterben und das Geborenwerden. Und so wunderbar Geburt und Leben sind, so wichtig bleibt, dass wir über Tod und vor allem das Sterben nicht schweigen.

Meine großartige Gastautorin tut sogar noch deutlich mehr- sie redet nicht nur, sie ist auch einfach da. Oder singt. Oder lacht. Und das mit sterbenden Menschen. Ich hatte bei Lesen richtig Gänsehaut und ich hoffe, sehr, dass Lady Bug vielleicht eines Tages eine kleine Fortsetzung für uns schreibt. Diese Arbeit ist eine Wahnsinnsleistung, die für die begleiteten Menschen nicht in Gold aufzuwiegen ist!

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Sterbebegleitung – mein Ehrenamt als Hospizbegleiterin

„Hallo, Frau M., ich besuche Sie wieder, hab ich Ihnen ja versprochen.“

Frau M. reagiert nicht. Sie ist dement und geistig schon ziemlich weit weg. Meistens jedenfalls.

„Ich habe Ihnen eine Sonnenblume mitgebracht, schauen Sie mal!“

Frau M. macht die Augen kurz auf, aber ob sie die Sonnenblume wahrnimmt, kann ich nicht sicher sagen. Ist aber auch nicht so wichtig. Ich stelle die Blume auf ihren Nachttisch, sodass sie sie sehen kann. Vielleicht hat sie später einen wachen Moment, dann freut sie sich. Und wenn nicht, dann sehen die Angehörigen später, dass ich da war. Das tut ihnen auch gut.

Ich klopfe vorsichtig ab, womit ich Frau M. heute eine Freude machen kann. Ich erzähle vom Garten und vom Wetter. Ich nehme vorsichtig ihre Hand. Sie drückt sie ein wenig, also scheint sie die Nähe zu mögen. Schließlich fange ich an zu singen, das mag sie meistens gerne. „Am Brunnen vor dem Tore“, „Hoch auf dem gelben Wagen“, „Kein schöner Land“, … Ich bin inzwischen Expertin für Volkslieder und habe einige richtig lieb gewonnen.

Frau M. entspannt sich ein wenig. Auch wenn sie kaum reagiert: Meine Anwesenheit scheint ihr gut zu tun.

Schließlich verabschiede ich mich und protokolliere meinen Besuch in der blauen Mappe, die auf dem Nachttisch liegt.

„Bis bald, Frau M.!“

Bevor ich gehe, erinnere ich das Pflegepersonal noch einmal daran, dass sie mich anrufen sollen, falls sich der Zustand verschlechtert. Schließlich geht es mir vor allem darum, dass Frau M. in ihren letzten Tagen und Stunden nicht alleine sein muss, wenn sie nicht will. Dafür bin ich ja Hospizhelferin geworden.

 

Ehrenamtliche Hospizarbeit – leider noch viel zu wenig bekannt

 

Hospizvereine gibt es seit einigen Jahrzehnten, aber erst langsam, ganz langsam spricht sich herum, dass es uns gibt und was wir tun: Wir begleiten Menschen in ihrer letzten Lebensphase, und zwar kostenlos. Die Frage, ob ein Sterbender alleine sein muss oder nicht, soll schließlich nicht vom Geld abhängen. Möglich ist das durch Menschen wie mich: Ehrenamtliche, die einen Teil ihrer Zeit verschenken, um kranke Menschen zu besuchen und bei ihnen zu sein.

 

Wie lange eine solche Begleitung dauert, das ist ganz unterschiedlich. Meine kürzeste Begleitung ging über zwei Tage, meine längste über eineinhalb Jahre. Das kommt ganz darauf an, wann wir gerufen werden. Je früher, desto besser, denn dann können wir eine Beziehung aufbauen, Angehörige unterstützen und helfen, Ängste und Schmerzen mitzutragen, die schon früh auftauchen. Sobald eine Diagnose vorliegt, die das Leben verkürzen wird, können wir tätig werden, und das kann schon sehr früh sein. Dann besuchen wir die Patienten dort, wo sie eben sind: zu Hause, im Pflegeheim oder im Krankenhaus. Anfangs reicht es meistens, wenn eine Hospizhelferin (die überwiegende Mehrzahl der Ehrenamtlichen sind Frauen) einmal pro Woche oder alle 14 Tage kommt. Wenn sich der Zustand verschlechtert, werden die Abstände verkürzt. Wenn es nötig ist, kann jederzeit Unterstützung von anderen Ehrenamtlichen nachgefordert werden, sodass wir in den letzten Tagen sogar Nachtwachen und Rund-um-die-Uhr-Begleitung leisten können, wenn das gewünscht wird.

 

Auch was wir bei der Begleitung tun, ist ganz unterschiedlich. Oft nur ganz wenig. Wir sitzen am Bett, reden, singen, halten die Hand oder massieren verkrampfte Schultern, schauen gemeinsam Fotoalben an, gehen spazieren oder sind vielleicht einfach nur da, ohne etwas zu tun oder zu sagen. Je nachdem, was gut tut und was möglich ist.

 

„Das könnte ich ja nicht!“

 

Wenn ich von meinem Ehrenamt erzähle, ist die Reaktion fast immer gleich: ehrfürchtiges Staunen und eine Variation von „Das könnte ich ja nicht“. Das macht mich immer etwas verlegen, denn so schwierig ist das alles gar nicht. Einen Angehörigen beim Sterben zu begleiten, DAS ist eine harte Nummer. Als Hospizbegleiterin habe ich es da viel leichter. Ich lerne die Menschen ja erst kennen, wenn schon klar ist, dass sie nicht mehr allzu lange leben werden und wenn ihre Möglichkeiten durch ihre Krankheit schon eingeschränkt sind. Ich nehme sie so, wie sie jetzt sind, denn ich habe ja keine Vergangenheit mit den Menschen, um die ich trauere.

 

Was viele sich ebenfalls kaum vorstellen können: Ich kriege sehr viel zurück. Frau M. (die es in Wirklichkeit gar nicht genau so gegeben hat, denn ich habe natürlich Schweigepflicht über meine Begleitungen) bringt mir vieles bei: Über Geduld und Aushalten. Über Würde und Respekt. Über die Freude an kleinen Dingen. Darüber, was wirklich wichtig ist. Und darüber, wie das funktioniert mit dem Sterben.

 

Denn davon haben wir doch keine Ahnung mehr, in unserer Kultur, die das Sterben in die Sterilität der Krankenhäuser verbannt und die Sterbenden unsichtbar macht. Ich möchte mithelfen, dass möglichst viele Menschen begleitet und in Würde sterben können. Ich möchte möglichst vielen Angehörigen helfen, ihre Lieben zu begleiten, denn ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie wertvoll das für den Trauerprozess ist. Und ich möchte möglichst viel über das Sterben lernen, denn irgendwann bin ich schließlich auch mal dran.

 

Bisher war ich bei drei Menschen im Sterbemoment dabei. Meine Wahrnehmung ist: Da passiert etwas Besonderes, etwas Bedeutsames, das längst nicht so schrecklich ist, wie wir uns das vorstellen.

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Für diesen besonderen und wirklich bedeutsamen Text: Vielen vielen Dank! Ich werde jetzt drei Kinder und einen wunderbaren Mann küssen und hoffen, dass jeder von ihnen irgendwann eine so liebevolle Begleitung aus dem Leben hinaus findet, wie ich versucht habe, sie ins Leben hinein zu begleiten.

Eure Julia

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