Erschöpfte Eltern

:rschöpfte Eltern

Es ist ja jetzt nicht so, dass noch nie eine*r darüber geschrieben hätte, dass dieses Ding mit der Elternschaft eine*n wirklich schafft. Körperlich. Mental. Insgesamt. Im elterlichen Fachjargon heißt das dann „Wird schon!“ und „Auch super, klar!“. Je nach Grad der Geschafftheit auch mal „Di*er schläft durch! 12 Stunden!“. Was die erschöpften Eltern aber meinen, lässt sich nicht in zwei Worte oder ein kurzes Kopfnicken packen. Selbst die ungewöhnlich ehrliche Variante „Uff… puhhh… Du… weisst Du… ach, also Du hast ja selber Kinder!“ umschreibt den elterlichen Zustand oft nur mangelhaft. Was grundsätzlich auch völlig okay ist. Aber das Ganze hat eine Haken.

Wo der sein soll? Muss nicht jede*r selbst entscheiden, wie viel der nächtlichen Verzweiflungs-Wein-Zusammenbrüche si*er preis gibt? Völlig richtig. Aber ich habe das untrügliche Gefühl, dass es einen Zusammenhang zwischen euphemistischer Beschreibung elterlicher Erschöpfung und Ratschlägen wie dem folgenden gibt:

„Nimm doch Mal ein Bad!“

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Bitte baden Sie- JETZT!

„Dann entspannt sich dein Rücken und Du kannst erholsamer schlafen“. Joah. Ähm. Gerne auch: „Entspann Dich einfach mal!“. Also das gesamte Elter diesmal, nicht nur der olle Rücken. Jupp. Leude. Grundsätzlich gar kein schlechter Gedanke. Denn eine Runde Wanne ohne Kinder klingt sehr verlockend und wirkt mit Sicherheit auch für ein paar Minuten belebend. Aber dann? Dann ist das ungefähr so wie: „Du musst Dich nur mal richtig ausschafen, dann bist Du wieder fit!“. Und gemeint ist genau EIN MAL ausschlafen. Dann dann geht`s weiter wie zuvor.

Jetzt verrate ich all jenen, die diese Ratschläge wirklich lieb meinen etwas. Und auch denen, die das Pro-Level erreicht haben und Tatsachen schaffen (Kinder für zwei Stunden entführen) statt Ratschläge zu geben: Ihr seid wirklich klasse. Ich liebe Euch dafür, dass Ihr Euch um uns sorgt, dass Ihr unsere Augenringe seht und dass Ihr erkennt, dass „Och, geht schon“ so viel heißt wie „Ich will zu Meiner Mamaaaa! Auf den Aaaaaaaarm!“. Ernsthaft, Ihr seid Gold wert! Lasst Euch von mir auch nix anderes einreden! Denkt nur über eine klitzekleine Kleinigkeit nach. Wenn es geht, ohne sauer zu werden, okay?

Denn Ihr seid ja schon die Guten!

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Wüdre bei hundert Jahren Schlaf auch gut gedeihen…

Uns allen funkt da ein unglücklicher Umstand dazwischen, den wir sichtbar machen müssen. Nämlich der, dass EIN MAL schlafen nicht SECHS JAHRE Erschöpfung aufwiegen kann.  Nicht mal sechs Wochen, wenn wir genau sind. Denn leider kann eins ebensowenig vor- wie nachschlafen. (Wobei: Wenn es doch möglich wäre, und Dornröschen im Märchen heimlich schon drei Kinder gehabt hätte, DANN würden 100 Jahre Schlaf Sinn machen. Aber… lassen wir das.)

Nicht dass Ihr mich falsch versteht: Jede SEKUNDE Schlaf zählt! Und wenn Ihr zu denjenigen gehört, die anderen Eltern diese Sekunden, Minuten und Stunden ermöglichen, dann seid Ihr wunderbar! Ohne Wenn und Aber. Was allerdings aufhören muss, ist diese „Du musst nur mal“-Propaganda von Außen. Meistens kommt sie von Außen. Denn die lieben Helfer sind, wenn sie die Verzweiflung und Erschöpfung sehen,  oft schon im Inner Circle gelandet. Wir Eltern überschminken und verharmlosen oft, so lange wir können. Können wir nicht mehr und entdeckt Ihr das, seid Ihr nah an uns dran. Ein großes Glück, ist, wenn Ihr es seid, die nah dran sind. Ein großer Scheiß ist es, wenn ein*e „Du musst nur mal“-Propaganda-Minister*in es ist.

Solche Ratschläge sind wirklich Schläge.

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Schreibt schonmal eine To Do Liste…

Und wenn ich dann völlig übermüdet und kraftlos, übellaunig und mit Nerven zum Zerreißen gespannt einen solchen tollen Ratschlag bekomme, dann kann es schon mal passieren, dass ich laut werde. Einen Scheiß muss ich nämlich. (Okay, dieser Satz fällt bei uns öfter Mal. Weil isso.) Ich muss in so einem Zustand auch keine Diskussionen darüber führen, was ich jetzt wieder falsch gemacht habe, dass ich so ausgelaugt bin. Manchmal hilft alles nix. Und schon gar keine halbe Stunde Badewanne, die ich mal müsste. Weil das letztlich den Druck nur erhöht. Ich muss (sic!) nicht nur den Alltag mit fünf Personen wuppen, den Haushalt schmeißen, die Kinder bespaßen, HobbyTaxi sein und dabei möglichst fuckable ausssehen, nein ich muss (sic!) dabei bittesehr auch einfach mal Baden und eine Auszeit nehmen, damit ich nicht so unanständig erschöpft bin. Und dann muss ich aber bitte von diesen 30 Minuten Aromabad locker drei Jahre zehren. Sonst hätte ich ja nur mal richtig ausschlafen müssen. Und wenn mir das schon nicht gelingt dann…!

Merkt Ihr selbst, ne?!

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Manchmal sind es die kleinen Dinge

Was muss ich denn dann fragt Ihr? Die Kinder küssen. Ist ja wohl klar wie Kloßbrühe. Was Ihr tun könnt? Zu allererst: mir nicht sagen, was ich mal müsste. Und nicht von mir erwarten, dass dieses eine „mal“ die vielen hundert tausend anderen „mal“ ungeschehen macht. Dann ist für mich erstmal viel gewonnen. Die tollen „mal“, die Ihr auf unsere Kinder aufpasst oder auch nur einmal beim Einkaufen mit dem Fahrradanhänger kurz das Gespann festhaltet, damit ich in Ruhe den Wagen zurückschieben kann- die genieße ich. Dafür danke ich Euch von Herzen! Nur, weil Ihr nicht jeden Dienstag sechs Stunden auf meine Kinder aufpasst, bedeutet das nicht, dass ich Eure Hilfe nicht unheimlich schätze, bitte vergesst das nicht! Es kann Euch sogar passieren, dass ich nach einer Stunde nachgeholtem Schlaf aussehe wie das blühende Leben und die neu gewonnene Energie wirklich die letzten sechs Jahre aufgeholt zu haben scheint. Das ist übrigens ein geiles Gefühl, auf beiden Seiten… Nur: Erwarten können wir es nicht.

Wir können von erschöpften Eltern nicht verlangen, dass sie nach einer einzigen Phase der Erholung wieder Jahrelang am Limit laufen. Ich kann keine dauerhafte Entlastung für befreundete Eltern sein, ich kann nur punktuell da sein. Aber ich würde mir eher die Zunge abbeißen, als ihnen zu sagen, was sie noch alles müssten, um bitte auch wieder weniger erschöpft zu wirken. Denn die Erschöpfung ist da einfach. Die gehört dazu. Die müssen wir aushalten, wenn wir sie nicht lindern können und die wird durch mehr Druck nicht weniger. Ganz einfach.

Und manchmal…

Manchmal hilft uns erschöpften Eltern Eines mehr als alles Andere: Ein mitfühlendes Wort. Ein (an)erkennendes Nicken. Ein Lächeln.

Achja, und ehe ich es vergesse: Kinder küssen. DAS hilft auch oft. Besonders, wenn sie schon schlafen und wir uns gleich daneben legen, statt den Haushalt zu machen. Also ran an die Kinder! Küssen Marsch! Müsst Ihr ja auch nur mal machen, nech?!

Eure Julia

 

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