Die #Gretchenfrage: Denise von WorkMumBalance

Heute am Gründonnerstag bekommen wir wieder einen besonderen Einblick, wenn uns Denise von WorkMumBalance auf die #Gretchenfrage antwortet. Sie ist nämlich mit Papa Habibi verheiratet und das ist manchmal einfacher gesagt als gelebt. Denn die Werte und die Religion, die Denise zusammen mit ihrem Mann kennen- und lieben gelernt hat, muss mit vielen Vorurteilen kämpfen. Spannend? Spannend!

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„Ich habe die Gretchenfrage bei Mama Juja seit Anfang an mitverfolgt und lange mit den Gedanken gespielt, ob ich mich selbst als Gastautor melden sollte oder nicht.  Der Grund weswegen ich gezögert habe, ist nicht der, dass es mir an Gesprächsstoff mangelt, ganz im Gegenteil. Es ist vielmehr so, dass es hier wirklich um eine Thematik geht, die sehr emotions- und konfliktbehaftet ist und das nicht nur in der großen weiten Welt da draußen, sondern ebenso im persönlichen und täglichen Miteinander – zumindest dann, wenn man mit unterschiedlichen Wert- und Glaubensvorstellungen aufgewachsen ist. So wie Papa Habibi und ich.

Weswegen ich mich nun heute dennoch dazu entschieden habe, mich zu äußern, ist wesentlich einfacher als das Thema an sich: es ist eine Herzensangelegenheit. Denn wie kann ich stillschweigend dabei zugucken, wie Hater jeden Tag aufs Neue eine virtuelle Hetzjagd gegen jenen Glauben betreiben, der meinen Söhnen in die Wiege gelegt wird, um ihnen ihnen den richtigen Weg für die Zukunft zu weisen? 

Gretchenfrage WorkMumBalance

 

Die Rede ist vom Islam.

Aber fangen wir doch mal ganz von vorne an…  

Ich selbst bin im Norden von Deutschland aufgewachsen ist, wo von Haus aus der evangelische Glaube mehr verbreitet ist, aber nur die wenigsten den Glauben wirklich praktizieren. So gab es auch bei uns weder Tischgebete noch sonntägliche Kirchengänge und Religion spielte in meinem Alltag keine große Rolle, obwohl ich immer einen starken Glauben an die Existenz und Allmächtigkeit von Gott hatte.

Nachdem ich mein Abitur abgeschlossen  und mich infolge dessen geschlagene 7 Jahre nach England abgesetzt hatte, stand für meine Eltern unmittelbar nach meiner Rückkehr nach Deutschland der nächste Schock bevor – ich hatte mich in einen Ägypter verliebt. Und zwar Hals über Kopf und so dass ich am liebsten direkt wieder meine sieben Sachen gepackt hätte, aber das sollte nach ein paar Monate auf sich warten lassen.

Über „Nicht ohne meine Tochter“ und weitere Klischees 

Meine Familie und Freunde machten sich viele Gedanken und dabei blieb kein Klischee aus:

Er braucht dich nur für die Einreise in die EU, er wird dich gegen Kamele eintauschen und nach der Hochzeit trägst du dann ne Burka und versauerst als Ehefrau 22 in einem Harem irgendwo in der Sahara.

Ich kann euch gar nicht sagen, wie oft man mich in dieser Zeit mit „Kennst du ’nicht ohne meine Tochter'“ konfrontiert hat. Interessanterweise hatte ich den Film gesehen und zwar im Religionsunterricht, als wir über den Islam belehrt wurden, was mich wenn ich heute darüber nachdenke extremst irritiert.

Gretchenfrage Islam WorkMumBalance

 

Über Monate hin folgten täglich stundenlange Gespräche über Skype, die mal mehr, mal weniger romantisch abliefen. Es war schwere Kost, für jemanden wie mich, der in einem sehr freizügigen Umfeld aufgewachsen ist, aber wir waren uns einig, dass die Voraussetzung für eine gemeinsame Zukunft war, über alles was irgendwie zwischen uns stehen könnte reden mussten. So ging es um Themen wie Eifersucht, Küsschen als Begrüßung mit männlichen Freunden. Minirock und Bikinis, Verzicht auf Alkohol und Sex vor der Ehe und ein in europäischen Augen eher traditionelles Rollenverhältnis von Mann und Frau in der Gesellschaft. Mir persönlich lagen Themen wie Polygamie und die Tatsache, einer potentiellen Konvertierung, die man von mir erwarten würde, auf der Seele. Als das zu meiner Zufriedenheit geklärt war (nämlich das ersteres niemals eine Rolle spielen wird und letzteres niemals von mir erwartet wird, es sei denn ich würde mich selbst dazu entscheiden), stand fest, wir wollten heiraten. Doch vorher sollte ich noch Land, Leute und Leben in Ägypten kennenlernen.

Über (angemessene) Kleidung, ein bisschen Romantik und die Frage der Ehre 

Ägypten ist zwar überwiegend muslimisch, aber heutzutage absolut modern. Entgegen der westlichen Vorstellungen, sind Frauen ebenso gebildet und arbeiten als Arzt, Lehrer oder in der Wirtschaft, genau wie bei uns. Sie fahren Auto, gehen shoppen und treffen sich mit Freunden in Cafés oder auch Diskos. Auf den Straßen sieht man heutzutage eine unheimliche Vielfalt was das äußere Erscheinungsbild angeht: kurze Röcke, rote Lippen und High Heels, genauso wie Frauen mit einem klassischem Kopftuch (higab) bis hin zur Vollverschleierung (burka). Die Kleidung hat schon so manche Diskussion in unserer Ehe entfacht, und ist auch heute noch manchmal ein Punkt der zu Konflikten führt, denn ein zu tiefes Dekolleté oder ein zu enges oder kurzes Kleid ist ein absolutes No-Go für Papa Habibi. Denn er ist eifersüchtig und möchte sein Kostbarstes mit niemandem teilen. Der Europäer verurteilt das als einengend, herrisch und herablassend. Wenn ich der Meinung bin er übertreibt, diskutieren wir darüber, bis wir einen für beide Seiten angemessenen Kompromiss gefunden. Dieser sieht so aus, dass Schultern, Bauch und Knie bedeckt sein sollten, und mein g-String nicht aus der Hose guckt. Damit kann ich gut leben, schließlich bin ich auch keine 18 mehr.

Um ehrlich zu sein finde ich sogar eine gewisse Romantik darin, denn die Tatsache dass mein Mann mich und meinen Körper als zu kostbar empfindet, als ihn vor dem Rest der Welt zur Schau zu stellen, gibt mir in der Tat das Gefühl etwas Wertvolles und Besonderes (für ihn) zu sein. 

Und so kann ich es akzeptieren, denn er ist so aufgewachsen und sehe es auch in meiner Verantwortung als Frau und Mutter, nicht in aller Öffentlichkeit die Ehre meines Mannes zu untergraben (und das ist unabhängig davon welcher Glaubensrichtung man angehört!). Denn als solches wird es betrachtet, würde ich mich dem widersetzen und öffentlich im kurzen Schwarzen posieren. Die Ehre hat in Ägypten einen unwahrscheinlich hohen Stellenwert und wenn diese einmal verletzt ist, gibt es wohl keinen Weg mehr zurück.

 

WorkMumBalance Islam Gretchenfrage

 

Über die Menschen und die (positive) Macht des Glauben

Die Menschen in Ägypten sind etwas ganz Besonderes. Sie sind unheimlich gastfreundlich, warm und bedingungslos gutherzig und ich bin überzeugt davon, dass ein nicht unwesentlicher Grund dafür ihr Glaube ist, unabhängig davon ob muslimisch oder koptisch (christlich), denn beide Religionen ko-existieren hier in voller Akzeptanz und Friedfertigkeit, entgegen jeglicher Darstellung in den Medien.

Die Tatsache mehrfach am Tag zu beten und so in direkten Kontakt mit  Gott/Allah zu treten, schärft das Bewusstsein denn Gott/Allah ist allgegenwärtig ist, und belohnt Gutes und ahndet Schlechtes.

Als ich nach Ägypten kam, war Ramadan. Auch wenn ich selbst nicht aktiv mitgefastet habe, war es doch für mich toll diese Zeit mitzuerleben. Es war im gewissen Sinne wie die Vorweihnachtszeit, nur standen im Vordergrund die Versorgung von Hilfsbedürftigen und das Beisammensein, statt einem kommerziellen Fest entgegen zu fiebern, von dem ein Großteil heutzutage nicht mal mehr den eigentlichen Ursprung kennt.

 

WorkMumBalance Islam Gretchenfrage

 

Ich selbst bin durch die Begegnung mit Papa Habibi, seinem Land und seiner Familie ein besserer Mensch geworden bin und habe hier gelernt andere Prioritäten im Leben zu setzen. Ich habe gelernt was wirkliche Armut ist und was richtiger Zusammenhalt bedeutet. Dinge die ich meinen Kindern lehren werde.

Die Menschen sind das was ich in Ägypten am meisten liebe und an Deutschland am wenigsten vermisste.

Über den Ursprung des Islam und die Erziehung unserer Kinder

Was heutzutage ebenso die wenigsten wissen, ist dass der Islam vom Christentum abstammt. Dieses wiederum vom Judentum. Das heißt der Grundsatz unseres Glaubens ist der Gleiche. Ich war selbst darüber erschrocken, dass ich das erst gecheckt habe, nachdem ich angefangen habe mich ausgiebig mit dem Islam zu beschäftigen. Aber es ist ja kein Wunder, wenn der Lehrplan zum Thema Islam „Nicht ohne meine Tochter“ vorsieht und schon die Heranwachsenden Generationen gezielt beeinflusst werden. 

Mit meiner neuen Erkenntnis fiel es mir in der Tat nicht schwer, hinzunehmen, dass nach islamischem Recht, und so haben wir auch geheiratet, unsere Kinder automatisch den Glauben ihres Vaters übernehmen würden.

Was mich hingegen eher und mit zunehmendem Alter meiner Kinder vermehrt beschäftigt, ist die Frage, wie ich meinen Kindern authentisch den Glauben vermitteln soll. Denn viele Dinge habe ich in meiner Jugend selbst „falsch“ gemacht und bin auch heute alles andere als unfehlbar. Ich habe den Koran gelesen. Dennoch bete ich nicht fünf Mal am Tag. Ich faste nicht. Und ich mache keine Pilgerfahrt. Summa summarum: Ich bin keine Muslima.

Mir ist bewusst, dass da noch viele Konflikte vor uns liegen und heimlich, still und leise bin ich dankbar dafür, dass wir zwei Jungs statt Mädchen bekommen haben (auch wenn ich mit einer gewünscht hätte). Aber heute betrachte ich es wirklich als ein Geschenk des Himmels und einen Segen für unsere Ehe, denn ich weiß, hier würden uns andere Diskussionen als jene über die Notwendigkeit einer Vorhaut-Op ereilen.

 

Gretchenfrage WorkMumBalance Islam

 

Respekt und Kompromiss sind nicht nur bei Diskussionen über angemessene Kleidung wichtige Aspekte. Sie sind das A und O in unserem täglichen Miteinander und eine absolute Grundvoraussetzung für eine funktionierende Ehe, welche sich im Übrigen inzwischen bereits im (verflixten) siebten Jahr befindet.

Der jüngste Anschlag, der sich in der Heimatstadt von Papa Habibi erübrigt hat, ist ein weiterer Beweis für die sich stetig ausbreitende Islamophobie. Ich kann besten Gewissens sagen, dass ich es niemals verantworten würde, meine Söhne mit der „Religion des Terrors“ aufwachsen zu lassen. Es ist Zeit, dass Menschen kapieren, dass Medien und Politik bewusst versuchen, Hass zu schüren und einen Keil zwischen die Glaubensrichtungen zu treiben. Wie viele muslimische Opfer dem Terrorismus zum Opfer gefallen sind, darüber spricht keiner. Und dabei ist es doch völlig egal, welcher Konfession die Opfer angehören, denn im Vordergrund steht der Mensch und nicht die Religion. Zumindest wäre es schön, wenn es irgendwann so wäre.

Währenddessen dürfen sich unsere Kinder über viele Feste und Feierlichkeiten im Jahr freuen: ob Ostern, Weihnachten, Opfer- oder Zuckerfest. Alles wird gewürdigt und gefeiert und das macht nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern Spaß :)“

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Ihr Lieben, was kann man dazu noch sagen? Ich glaube, Denise hat alles schon so klug und differenziert aufgeschlüsselt- ich sage einfach lieber gar nichts mehr. Außer vielleicht: Danke für diesen tollen, feinsinnigen und ehrlichen Text!

Küsst Eure Kinder, feiert die Feste wie sie fallen und lasst Euch nicht ärgern- von keinem!

Eure Julia

 

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