Das große Scheitern oder: Willkommen in meiner Welt

Vom großen Scheitern oder: Willkommen in meiner Welt

Ich weiß, ich soll nicht immer jammern. Und ich will auch gar nicht. Aber manchmal habe ich wirklich das Gefühl, ich renne ausschließlich und nur noch gegen Wände. Egal in welche Richtung. Egal, bei wem. Scheitern scheint mein ganz großes neues Hobby zu sein. Und obwohl ich weiß, dass das maximal eine temporärer Geschichte sein kann, ärgert mich das. Ich mag nicht mehr.

Wer jetzt findet, ich solle nicht so melodramatisch werde, hat vermutlich recht. Aber manchmal muss es eben raus und genau jetzt ist so ein Moment. Denn ein wesentliches Ritual meines Tages ist es, mit irgendetwas oder an irgendwem furios zu scheitern. Also, mindestens einmal am Tag.

Mehr geht immer.

Vom großen Scheitern oder: Willkommen in meiner WeltBeispiele? Bitte: Ich bin ja quasi semi-Kita-frei. Semi, weil der Große sehr wohl in die Tagespflege geht. Der Mittelwikinger und selbstverständlich die Bohne sind durchweg bei mir. Ersterer seit gut zwei Jahren. Und trotz vieler Versuche und einiger Tricks beginnt der Tag in der Regel damit, dass ich bei dem Versuch scheitere, dem Kind die Zähne zu putzen. Während sein großes Geschwisterkind in diesem Alter noch freudig alles geputzt hat, was nicht bei drei versteckt war, ist beim Butterkeks Zähnezusammenbeißen angesagt. Und bei mir. Damit ich nicht direkt beim nächsten Punkt ins Scheitern gerate: Keine mütterlichen Wutanfälle vor zehn.

Logo, irgendwann im Laufe des Tages schaffe ich es meistens, dem Kind eine Zahnbürste in die Hand zu drücken und manchmal sogar, das Ganze selbst in die Hand zu nehmen. Aber so ganz generell lässt sich festhalten: Der Plan, den Kindern Freude an Zahngesundheit mitzugeben ist gescheitert. Jeden. Verdammten. Tag. Aufs. Neue. Ihr könnt gerne alle jetzt schon in den Startlöchern stehenden Tipps raushauen. Wirklich. Seid mir nur bitte nicht böse, wenn ich unter jeden in Druckbuchstaben schreibe: CHECK. Denn wenn ich nicht gerade wieder irgendetwas nicht schaffe, bin ich ziemlich kreativ. Manchmal sogar, wenn währenddessen das Baby sich die Seele aus dem Leib brüllt, weil ich dem Butterkeks mit der Zahnbürste hinterher renne, statt ihn zu herzen und zu kuscheln. Aber das ist eine andere Geschichte…

The Beat Goes On

Vom großen Scheitern oder: Willkommen in meiner WeltDer Tag geht weiter und spätestens ab dem Einkauf am Vormittag denke ich an den Großwikinger. Warum? Weil der gerade echt nicht gut auf mich zu sprechen ist. Ach und auf Essen, insbesondere von mir zubereitet, auch nicht. Also versuche ich telepathisch zu erahnen, was das Kind heute wohl essen mag. Neben dem, wovon ich denke, was der Gatte, der Butterkeks und ich essen wollen, versteht sich. Denn eines ist klar: Das, was der Großteil der Familie isst, isst der Großwikinger definitiv nicht. Meistens nehme ich drei verschiedene Sachen mit, sicher ist sicher. Oder doof bleibt doof, denn vom Vorabend kenne ich das Spiel eigentlich schon: Nehmen wir Nahrungsmittel XY. Mochte das Kind schon immer. Mache ich ihm und präsentiere das Ergebnis freudestrahlend. Das Kind wird leicht grün im Gesicht und flüchtet. Während ich den selbstverständlich zur Essenszeit hungrigen Butterkeks stille, grolle ich dem Großkind und frage mehr oder minder patzig, was zur Hölle es denn bitte dann essen wolle.

Vor meinem kalten Essen sitzend kann ich ihm aus der Nase ziehen, das Nahrungsmittel Z okay wäre. Z hat eine Zubereitungszeit von drei Stunden. Ergo: Kind kann Nahrungsmittel W haben. W passt. Kind isst einen Bissen. Kind ist satt. Mutter rennt schreiend im Kreis und ich würde es mal so formulieren: Projekt gemeinsames Abendessen halte ich für gescheitert.  Aber ich bin ja nicht unterzukriegen und kaufe am Folgetag Nahrungsmittel Z. Und bereite es für uns alle zu. Drei Stunden. Ratet. Das ist der Punkt, an dem ich wiederum am Projekt „Mutti flipp nicht aus“ grandios scheitere. Was gefährlich ist, denn gerade Essen soll ja etwas sein, das Spaß macht.

Tjanun. Prost. Mahlzeit.

Vom großen Scheitern oder: Willkommen in meiner WeltKommen wir zum nächtlichen Teil der Scheiterrunde: Die Wikingerbohne will in den Schlaf gestillt werden, versteht sich. Also, ich verstehe das, Ihr tut es, aber der Zweijährige, der hat von sowas selbstverständlich nicht den Hauch eines Schimmers. Und selbst wenn: Es wäre ihm schnurz. Denn er möchte bitte (übrigens genauso selbstverständlich!) in den Schlaf gekuschelt werden. Ich bin aber eine von diesen unglücklichen Müttern mit nur zwei Armen. Und die kann ich nicht um das Mittelkind schlingen, wenn ich das Baby stille. Das Baby möchte nicht so lange warten, bis ich den Butterkeks einschlafgekuschelt habe. Auch bei Papa nicht. Überhaupt ist es einfach so, dass die Bohne gegen Abend eh nur noch sehr wenig außerhalb von „Mama“ und „Milch“ will. War schließlich auch für ihn ein langer Tag. Der Butterkeks hingegen will auf keinen Fall leise sein, bis das Baby schläft. Und so kommt es, wie es kommen muss: Ich schimpfe. Der Butterkeks trauert. Erst laut, dann leise, dann schläft das verflixte Baby endlich, ich drehe mich zum Butterkeks, um ihn ENDLICH zu kuscheln und…

Er schläft schon.

Vom großen Scheitern oder: Willkommen in meiner WeltOhne mich, Ohne meine Arme. Und definitiv nicht so, wie ich es mir für uns beide gewünscht hätte. Und an diesen Punkt kommen wir nahezu immer, egal wie wir es drehen oder wenden. Das bricht mir das Herz. Aber solange das Kind nicht verstehen kann, dass entweder Papakuscheln genauso gut ist oder er nur einen Augenblick ruhig sein muss, um zu Zug zu kommen… können wir Einschlafen auch als gescheitert abhaken. Denn wir erinnern uns: Ich hatte ja drei Kinder. Das dritte und größte Kind von allen kommt hier nicht mal ansatzweise vor. Dabei weiß ich: Eigentlich würde er auch gerne ab und zu in meinem Arm einschlafen. Und ich krieg es nicht mal gebacken, mich zwischen den zwei Kleinen aufzuteilen. Ach und hey, einen Ehemann hätte ich da auch noch, hab ich das erwähnt? Also selbst, wenn ich es schaffen würde, die drei Kinder unter einen Hut zu bekommen, müsste ich spätestens dann scheitern, wenn der Mann auch ausnahmsweise mal ein Bedürfnis anmeldete. Denn mein Aktionismus nach drei in den Schlaf begleiteten Kindern ist eher mäßig. Solange er Schnarchen also nicht umwerfend sexy findet wird das.. ach, Ihr wisst schon.

Das ist doch nicht fair.

Vom großen Scheitern oder: Willkommen in meiner WeltIch gebe mir wirklich Mühe. Aber. Es. Reicht. Einfach. Nicht. Und obschon mir völlig klar ist, dass ich viele Dinge jeden Tag sehr wohl schaffe: Gerade scheint es mir, als wären das nur Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was mir Mal um Mal NICHT gelingt. Irgendwo tief in mir weiß ich: Das gehört dazu. Und es lohnt sich im Grunde nicht, darüber zu jammern. Denn die Einzige, die etwas an der Situation oder der Sicht auf die Dinge ändern kann, bin ich. Das kann ich aber nicht, wenn ich mit jammern beschäftigt bin. Aber das Frustrationslevel ist heute echt hoch. Übelst hoch. Ein Kind krank, ein Baby dabei, ein Großkind, das viel zu oft im Chaos untergeht und nicht mal Zähneputzen beim Mittelkind krieg ich hin. Orrrrrrrrr!

Ich bin bei alledem aber noch ein ziemliches Glückskind. Ich habe eine Mutter, die in der Nähe wohnt und sehr oft da ist. Manchmal auch einfach nur, weil es zu zweit lustiger ist. Ich habe einen Mann, der mir abends sagt, dass er mich für eine großartige Mutter hält und ich glaube ihm das sogar. Und trotzdem steh ich da und ärgere mich, dass meine Welt aus Wänden zu bestehen scheint, gegen die ich wechselweise renne.  Ich weiß, es geht vorbei. Ich weiß, da müssen wir alle durch. Aber eins sage ich Euch: Gut finden muss ich das nicht. Nett umschreiben auch nicht. Und vielleicht hat es dann wenigstens ein Gutes und Ihr wisst: Wenn es Euch so geht- Ihr seid nicht allein. Manchmal ist dieser ganze Elternkram scheiße. Aber zum Glück nur manchmal.

Bis es wieder besser wird, küsse ich jedes Kind, das ich zu fassen bekomme. Vielleicht hilft Euch das auch. Lasst Euch nicht ärgern!

Eure Julia

 

 

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7 Kommentare

    1. <3 Jeder hat so seine Dauer-Frustrations-Themen, nech? Aber spätestens, wenn ich nachts wach liege und darauf warte, dass die Kinder zur vereinbarten Zeit wieder nach Hause kommen, wünsche ich mir diese Probleme zurück, schätze ich.

  1. Das ist so wunderschön geschrieben. Ich lese so viel Liebe für deine Kinder heraus und einen so hohen Anspruch an dich selbst.
    Ich bin mir aber ganz sicher, dass deine Kinder alles bekommen, was sie brauchen und du eine tolle Mutter bist. Zerteilen kann man sich nunmal einfach nicht und bei drei Kindern ist deine geschilderte Situation völlig normal.
    Bin selbst mit zwei Brüdern aufgewachsen und das Baby hatte einfach Vorrang. Das ist kein Weltuntergang für die zwei anderen. Vielleicht können sich ja die Großen abends aneinander kuscheln.
    Die restlichen Sachen wie Zähneputzen und das Thema Essen waren bei unserer Tochter exakt dasselbe. Sie ist jetzt in der zweiten Klasse und ich will dich nicht belügen, aber es kommen noch ganz andere Phasen. 😂😁😉
    Bleib standhaft und so, wie du bist. Das passt schon so.
    Alles Liebe für dich und deine Familie!

    1. <3 !!! Danke Dir für deine warmen Worte! Ich kenne tatsächlich (und das ist mir auch erst eben aufgefallen) niemanden in meinem Alter, der mit zwei Geschwistern aufgewachsen ist. Deswegen ist dieses Neuland auch so tückisch- ich kann es einfach nicht abschätzen. Aber ich bleibe bei dem Versuch, es möglichst gut zu schaffen und möglichst viel Liebe möglichst oft an alle Anwesenden zu verteilen. Vielleicht macht das trotz Zähneputzen ein paar Karma-Punkte wett ;-)
      Auch Euch allesalles Liebe und jeden Tag ein bisschen Sonnenschein, von Innen oder Außen!

  2. Ganz viel Mitgefühl von mir! Ich bin noch wach, weil ich vorhin auch gescheitert bin: Die Kinder werden gerade krank und das Großkind und ich wollten endlich mal wieder kuschelnd einschlafen – wofür die jüngeren Geschwister kein Verständnis hatten. Ergebnis: Zwei traurige Kleinkinder und ein enttäuschtes Großkind :/ *seufz* ich brauche auch mehr Arme, damit meine Mamaliebe überall ankommt.

    1. <3 Danke Dir- ich brauche auch einfach mindestens zwei Arme mehr! Denn es ist wie Du sagst: Liebe ist ja zum Zerbersten viel da, nur an der Verteilerfunktion arbeite ich noch... Gut zu wissen, dass ich nicht alleine bin.

  3. Es ist so schwer allen gerecht zu werden und man selbst bleibt eh völlig auf der Strecke …
    Ich finde auch man spürt die Liebe zu deinen Kindern in deinem Text
    Und das ist die Hauptsache, man gibt immer sein bestes, hinterfragt sich selbst und versucht es noch besser zu machen!!!
    Vielleicht kömnte man auch alle drei Kinder zum einschlafen mit ins Elternbett nehmen
    und trägt sie später dann rüber in die eigenen Betten. Der mittlere und der große könnten sich ja dann vllt abwechseln wer neben Mama liegt….
    Liebe Grüße

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