Bio-Rumpelstielzchen oder der überzogene Anspruch

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Ich glaube, jeder kennt diese unerträgliche Spezies: Die, die drölf Kinder hat, ihnen nur frisches Gemüse kocht, das sie aus dem eigenen Garten geerntet hat, nachdem sie den Bälgern den Lauf der Jahreszeiten anhand der Kräuterschnecke bereits mit drei Monaten beigebracht hat während sie windelfrei praktizierend selbst diese niedlichen Pumphosen für Krabbelkinder klöppelt. Selbstredend Biowolle. Aus der Region.

Zugegeben, ich habe es etwas überspitzt formuliert. Aber Ihr wisst, was ich meine? Ich gebe mir in Bezug auf so viele Dinge so irrsinnig viel Mühe. Und sitze am Ende des Tages da, völlig erschöpft, sehe zu, wie die Wikinger statt Bionüssen Aldikekse futtern, bedaure den unrettbar verfleckten Wohnzimmerteppich aus Baumwolle („diese tollen Naturmaterialien!“), tröste mich damit, dass er so als „Salz und Pfeffer-Muster“ durchgeht und frage mich: Was läuft hier schief?

Antwort? Nichts. Alles tutti.

Denn die Wikinger waren vor den Aldi-Keksen mit uns im Schrebergarten und haben Himbeeren, Brombeeren und Radieschen aus eigenem Anbau im einer Wonne vertilgt, die sonst nur die besagten, völlig überzuckerten Kekse hervorrufen. Überhaupt: Die Kekse sind zwar von Aldi, aber auch der hat Bioprodukte. Manchmal sogar Fairtrade und Bio.

Der Grund für den dreckigen Teppich ist: Wir spielenlebenlachen drauf.  Und statt die Ergebnisse von Spielenlebenlachen wegzusaugen baue ich mit meinen Kindern noch einen Duploturm auf dem Teppichbiotop. Ist nämlich nicht nur schöner als Staubsaugen, sondern auch wichtiger.

Müde? Ich?? Aber nur in Bio, bitte.

Ich bin erschöpft, weil ich versuche, jeden Tag einen guten Tag werden zu lassen. Gut, weil ich das Großkind morgens ohne Kleinräuber geweckt und ihn auf dem Rücken zum Frühstückstisch getragen habe. Ein bisschen gut, weil ich mit dem Kleinräuber noch während der Kakaozubereitung für das Großkind Telefonieren gespielt und ihn zum lachen gebracht habe. Haushalts-gut, weil ich versuche, schon vormittags alle Stoffwindeln zu waschen, damit ich nachmittags mit den Kindern und dem später nachreisenden Wikingergatten in den Garten kann. Mitdenker-gut, weil ich eine Mahlzeit eingekauft habe, die man dort auch ohne Stromversorgung super picknicken kann. Haushaltsbudget-gut, weil ich im Kopf ausrechne, ob es diese Woche für Biogemüse vom Markt reicht, oder ob wir heute mal nur Obst für die Kinder vom netten Marktmann holen. Oder Aldi konsultieren. Mama-vom-schon-so-großen-Kind-gut, weil ich versuche, dem Großkind nach der Betreuung auf dem Ponyhof zuzuhören, ohne ihn zum Erzählen zu drängen. Freundinnen-gut, weil ich zwar einer lieben Bekannten helfen will, indem ich ihren Sohn mit dem Auto nach Hause fahre, aber dennoch so oft wie möglich das Rad nutze, weil der Kleinwikinger Autofahren hasst.

Nämlich.

Versteht mich nicht falsch: ICH bin nicht diese Mutti von drölf Kindern, die alles so toll macht. Aber ich gebe mir Mühe. Jeden Tag wieder. Und wenn man sich mal genau anschaut, was an einem Tag so alles gut läuft, dann erlebt man die kleinen Dramen des Alltags vielleicht etwas gelassener. Kleinräuber schläft erst spät ein und das Markt-Zeitfenster schließt sich? Montag ist wieder Markt. Die Wäsche stapelt sich, weil man einfach nicht dazu kommt? So findet man längst verloren geglaubte Teile im hintersten Eck des Schrankes. Kind beweint den Weltuntergang alias nicht-die-Oma-hat-ihn-von-der-Betreuung-abgeholt? Dann besuchen wir sie eben jetzt.

Manchmal ist Elternsein richtig kacke. Aber manchmal kann man was Gutes draus machen. Und darauf sollten wir alle stolz sein. Ende Banane.

Eure

Julia

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