Siamesische Herzen

Siamesische Herzen

So, heute also mal wieder Herzschmerz im Hause Wikinger? Nein, nicht so wirklich. Obwohl der Titel das ja schon vermuten lässt. Tatsächlich handelt es sich meinerseits primär aber um ganz banalen physischen Schmerz. Den, wenn der Kleinwikinger und seines Zeichens nicht mehr mittagsschlafender Butterkeks mir mir schöner Regelmäßigkeit in alles beißt, was er so finden kann. Jetzt klingt das schon viel weniger nach Emo-Kram, ne?!

Keine Sorge, es wird schon auch wieder ein bisschen herziger, aber die Ausgangssituation ist aktuell weit mehr nervig als emotional. Der Butterkeks ist jetzt 14 Monate, ich habe das Privileg (und Alg I), noch nicht zu arbeiten und verbringe so die ganze schöne Zeit, die ich habe, mit Wikingers. Der Große kommt inzwischen meist ohne mich klar und ist argumentativen Geschichten auch sehr offen gegenüber. Der kleine Butterkeks ist aber noch Butterkeks. Der will noch nicht über Babyzeichen hinaus reden, er kommandiert die gesamte Familie mit einem Handwinken durch die Bude und ist momentan am laufenden Band krank. Soviel dazu. Ihr wisst, das bedeutet:

Mama in Charge, 24/7

Dass einem das irgendwann auf den Keks geht ist klar, dass man trotz aller Dankbarkeit wenigstens noch zu Stillen und so nicht auf den Flüssigkeitshaushalt des Fieberkindes kucken zu müssen, irgendwann die Nase voll hat ist auch klar. Aber hier gehts echt manchmal zur Sache. Und zwar NICHT, weil das Kind krank ist. Und auch NICHT, weil er unentwegt an mir dran hängt. Sondern weil er, wenn er findet, es sei mal wieder Zeit dafür, die Reißzähne auspackt. Beißt mir in die Schulter, dass ich in die Knie gehe und freut sich nen Ast. Ganz pädagogisch habe ich das Kind dann an die Hand genommen, ihm gesagt, dass er gesehen wird und ich ganz bei ihm bin, eine Babymassage bei Kerzenschein veranstaltet und uns dann sanft in den Schlaf getönt. Mit Klangschale.

Nicht.

Siamesische Herzen
Steht seinen Butterkeks und manchmal auch schon Mutter-Geschrei

Angeschrien hab ich ihn vor Schreck und Schmerz, weggeschickt habe ich ihn, als er auch erschrocken ist und geweint hat und ihn bestimmt eine halbe Stunde (okay, drei Minuten, aber es hat sich angefühlt wie ein Jahr) immer wieder an seinen Erzeuger verwiesen, wenn er was will. Ich habe ausgesprochen laut und kreativ geflucht und ich habe auch, weil ich ja so eine unglaublich tolle Mutter bin, nicht das Verhalten des Kindes als etwas inadäquat deklariert, sondern das Kind einen fiesen miesen Pimmelpummel genannt.  Soviel also zur elterlichen Leistung meinerseits, ich schätze, bald kommt Jesper Juul und kloppt sich mit dem Unerzogen Magazin darum, wer mir einen Pokal überreichen darf.

Mich persönlich überrascht dieses Mutter-Fallout nur so mittel, ich bin kränklich, erschöpft und immer müde. Irgendwann passiert das. Blöd ist es dennoch. Und aller Humor täuscht nicht drüber hinweg: Ich wäre da gerne anders. Anders geworden bin ich auf die Schnelle jetzt nicht, aber mir ist etwas eingefallen, was mich ein bisschen entspannt hat: Ich kenne das vom großen Bruder.

Noch ein Hannibal?

Quasi. Ich weiß, der Große wurde wenig scherzhaft „Der Beißer“ genannt und hat sowohl mich als auch meine Umwelt in den Wahnsinn getrieben. Ich habe nach Gründen gesucht, ich habe gefunden, er ist heute vier und beißt nur noch in dafür vorgesehene Lebensmittel aber den ANFANG der ganzen Geschichte verstehe ich jetzt, dank dem kleinen Beißer erst so richtig.

Der kleine Beißer und ich, wir sind nämlich jetzt langsam soweit. Wir fangen an, uns körperlich zu trennen. Nach und nach, ganz langsam, ganz vorsichtig, einen Schritt vor und zwei zurück. Aber unweigerlich: Wir sind zwei verschiedene Körper. Das habe ich dem Butterkeks auch gesagt. Wir sind zwei, einer bin ich und ich will nicht gebissen werden. Da hat er traurig gekuckt. Ich glaube nämlich, er hat mich schon ganz richtig verstanden. Stattdessen hat er unentwegt das Zeichen für „Milch“ gemacht, nur um zu sehen, ob es noch funktioniert. Immer mal wieder in die Schulter gebissen, nur um zu sehen, ob es wirklich stimmt. Und viel geweint. Weil es stimmt. Weil wir zwei Körper sind.

Trennungsschmerz?

Siamesische Herzen
Ganz ganz fest halten. Und gehen lassen.

So mittel. Ich weiß ja, dass das alles seine Richtigkeit hat. Ich weiß, dass er aufhören wird zu beißen, wenn jeder von uns seine persönlichen Grenzen abgesteckt haben wird. Er wird auch seinen Bruder nicht mehr beißen, wenn der des Butterkekses neue Grenzen erkannt hat und respektiert. Bis dahin tut uns das ein oder andere Körperteil halt weh. Und das ein oder andere Tränchen fließt. Aber das kann ich jetzt: Ich kann sagen „Ich will das nicht und ich will jetzt für mich sein“. Und es ist in Ordnung, dass der Butterkeks das total daneben findet. Es ist wichtig, dass er seinen Unmut kund tut. Aber wir werden da jetzt zusammen dran arbeiten. Kein Grund für Herzschmerz. Denn im Herzen, das weiß ich ja, bleiben wir siamesische Zwillinge.

Bäm.

Küsst die Kinder, die grade nicht beißen!

Eure Julia

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