Nachtschreck

Mein liebes, mein heiß geliebtes Baby,

Meine kleine niedliche Speckbohne, mein Böhnopterix, mein einzigartiges Therapie-Baby. Letzte Nacht tut mir von Herzen leid. Ich weiß weder, wie ich es erklären soll, noch, wie ich das wieder gerade biegen soll. Weil mein Herz Erleichterung braucht, schreibe ich Dir. Ich hoffe, Du fühlst, was Du noch nicht verstehen kannst. Ich hoffe, ich kann Dir zukuscheln, was ich Dir nicht erklären kann.

Weißt Du, mein Kind, es gibt keine Entschuldigung für gestern Nacht. Nicht eine einzige. Ich will auch keine Absolution für mein Verhalten. Ich will Dir aber die Gründe erklären. Habe das Gefühl, wenn ich sie Dir schreibe, kann ich sie hinter mir lassen und heute Nacht besser für Dich da sein. Das ist einen Versuch wert, oder?

Nachtscheck Nacht
Action-Bohne!

Böhnchen, dieser Monat war hart. Es sind lauter Erwachsenen-Dinge passiert. Geplante (Berlin! Blogfamilia! Gartenwoche mit Oma und Opa aus Bayern!) und ungeplante (Waschmaschine. Autounfall. Bienenumzug.). Und ausgerechnet die letzten zwei Nächte waren wirklich hart. Nach einer körperlich ungewohnt anstrengenden Garten Woche hatten wir am Freitag einen Unfall. Ich bin unendlich dankbar, dass keiner von uns verletzt ist. Aaaaaber weil ich unser Auto zu Schrott gefahren habe, mussten wir (Dank großartiger Hilfe!!!) den geplanten und dringend nötigen Umzug der Bienen… Ähm… Flexibel umsortieren. Wir mussten Samstag morgen um halb vier aufstehen und keiner von uns kam bis zum Abend noch wirklich dazu, etwas Schlaf nachzuholen. Obwohl ich mich ein bisschen gefühlt habe, als wäre ich einmal durch den Fleischwolf gedreht worden, sind wir mit dem Rad zu unseren liebsten Freunden und haben dort einen schönen Abend genossen. Wir sind mit dem Rad wieder zurück und ich habe gemerkt, wie die Anspannung der letzten Tage einer bleiernen Erschöpfung wich. Du warst auch erschöpft, ich weiß das.

Nachtscheck Nacht
Müde Bohne muss am Ohr fummeln. Immer.

Was ich noch nicht wusste, war, WIE erschöpft ich wirklich war. Das merkte ich erst, als Du knapp anderthalb Stunden nachdem wir zusammen ins Bett sind, aufgewacht bist und geweint hast. Es war gerade zwei Uhr. Und nach kaum ein paar Minuten fühlte ich nicht mehr wie sonst mit dir, weil Du traurig warst. Ich hatte nicht wie sonst die Geduld, dich zärtlich zu trösten und in den Schlaf zu wiegen.

Mein Baby, ich war so müde. Aber das hatte nichts mit Dir zu tun. Deswegen brennt der Gedanke, dass Du meine Müdigkeit dennoch ausbaden musstest so heiß und schamvoll. Ich will nicht, dass jemand mir sagt, dass das schon okay sei. Ich weiß, dass die Welt trotz gestern Nacht nicht untergehen wird. Aber ich will die Dinge beim Namen nennen. Auch und gerade dann, wenn die Dinge richtig scheiße liefen. Gestern Nacht lief miserabel.

Nachtscheck Nacht
Schlaf Baby, schlaf.

Ich weiß nicht, warum es so ist, aber ab einer gewissen Erschöpfung verliere ich jede Fähigkeit zum Mitgefühl. Ich sehe Dich weinen und mein Kopf weiß, dass Du unglücklich bist und deine Mama brauchst. Aber etwas anderes in mir wird darüber nicht mitfühlend, sondern stinkwütend. Ich werde so sauer auf alles und jeden, weil ich einfach so scheiße müde bin, dass ich kaum dir Augen offen halten kann. Aber ich muss trotzdem Mutter von drei Kindern sein, egal ob sie wach sind oder schlafen. Ich werde rasend und grob. Ich habe Dich weinend mitten ins Wohnzimmer gesetzt, als ich Dich nicht beruhigen konnte und habe mich auf dem Sofa verteckt. Ich habe durch die müden Hände vor dem Gesicht zugesehen, wie Du weinend auf der Suche nach diesem Menschen, der sonst immer da ist, durch das Zimmer gekrabbelt bist. Baby, Du warst so traurig! Und ich? Ich war nicht im Stande, für Dich da zu sein. Stattdessen habe ich Dich geschimpft. Geschrien. Dich alleine gelassen. Deinem Wikingerpapa ein todunglückliches, weinendes Baby auf die Brust gerückt und gesagt: „Geht weg. Beide.“

Nachtscheck Nacht
Träum‘ von weichem Gras unter den Speckböhnchen.

Ach mein Böhnchen. Nochmal: ich will nicht hören, dass das alles okay ist. Das ist es nicht. Ich will Dir nur ganz dringend sagen: Eigentlich bin ich dieser Mensch, der Dich immer tröstet und auffängt. Wirklich! Aber gestern Nacht ging furchtbar schief. Und das tut mir furchtbar leid. Bei jedem meiner Kinder ist mir so eine Nacht bisher passiert, aber ich hatte sehr gehofft, ich wüsste es diesmal besser. Überhaupt, so lange (sechs Monate) habe ich noch bei keinem Kind vor dem ersten elterlichen Meltdown durchgehalten. Ich bin seit sechs Monaten noch ein Kind mehr müde. Aber da kannst Du nix für. Deswegen blutet mein Herz. Deswegen tut es mir leid.

Du, lieber Böhnopterix, bist ein Kind mehr Freude und Liebe. Das ist unfassbar viel Glück und es ist unglaublich viel Zuneigung, um die Du uns bereichert hast. Ich wünschte, ich hätte diesmal die Freude und Liebe ungetrübt Nacht für Nacht immer wieder trösten und wiegen können. Hat wieder nicht geklappt. Aber morgen, morgen Nacht werde ich wieder besser sein. Versprochen.

Böhnchen. Ich hab Dich sehr lieb. Und ich tue mein Bestes. Auch wenn es nicht immer reicht.

Ich küsse Dich.

Deine Mama Juja

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5 Kommentare

  1. Danke für den ehrlichen Text!
    Ist dir das wirklich bei allen Kindern ’nur‘ einmal passiert? Bei meinem Kind ist es mir, insbesondere im ersten Jahr viel zu oft passiert. Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen deshalb. Ich habe mich im übermüdeten Zustand einfach nicht im Griff. Jetzt nach drei einhalb Jahren passiert mir das, dank mehr Schlaf, nur noch sehr selten, dass ich fies und grob werde. Am Tag klären wir es dann…ich war wieder doof heute nacht und hab gemeckert, weil ich so müde war, es tut mir so leid, dass ich beim müde sein nicht immer lieb zu dir bin, ich versuche das zu lernen… das hilft schon.
    Morgen ist der errechnete Termin für Kind Nummer zwei und ich habe schon richtig Angst vor der heftigen Müdigkeit und meiner, damit einhergehenden, schwindenden Selbstkontrolle. Hast du noch Tipps?

    1. Oh herrje, ich fürchte nein- aber ich finde 1. ist das erste Mal immer das einschneidenste. und 2. habe ich mich sonst wenigstens ein bisschen besser im Griff. Weil ich vorbereitet bin. Und auch in der Lage bin, mitten in solchen Nächten irgendwann einen innerlichen Cut zu finden und neu anzufangen- weißt Du, was ich meine? Bei diesem einen Mal kam ich selbst überhaupt nicht aus der Situation heraus und das hat das ganze Dilemma erst so richtig schlimm gemacht -.-
      Oh und eigentlich gehört das ja an den Anfang: Herzlichen Glückwunsch!!!!! <3
      Mit Tipps tue ich mir sehr schwer. Weil ja für jede*n etwas anderes funktioniert und das ist auch gut so. Aber was mir hilft, ist, dass ich auf mich aufpasse. So gut ich kann. Und dabei so tue, als wäre ich auch eines von meinen Kindern. Bei K3 im Wochenbett war es zum Beispiel, dass ich fast jeden zweiten Tag gebadet habe. Klingt (auch für mich heute) voll utopisch. Aber weil es mir sehr wichtig war, haben alle geholfen, dass es klappt. Und auch wenn es manchmal nur zehn Minuten waren: Die waren Gold wert! Zumal ich nicht so verzweifelt war, wenn es nicht geklappt hat, weil ich am Folgetag ja wieder eine Chance hatte.
      Ich hoffe, Du findest auch mit zwei Kindern deine Kraft-Momente. Und ich hoffe, Du schläfst, wann immer Du kannst! 😉
      Liebe Grüße und viel Kraft! (Viel Liebe ist da ja ohnehin- das wird schon, bleibt guten Mutes!)

    2. Da kamen mir gerade die Tränen in die Augen gekullert. Ich denke da kann jede Mama mitfühlen und kennt diese Situationen. Wenn du das Kind dem Papa oder der Oma in die Hand drückst und sagst nimm sie/ihn mit … geht weg… und bei Licht betrachtet hat man ein schlechtes Gewissen, weil diese kleinen Menschen ja auf uns angewiesen sind, weil sie uns brauchen und das ganze lange noch nicht verstehen können/werden.
      Ich finde es toll, dass du das hier so ehrlich und für andere Mamis sichtbar zugeben kannst.
      Es hilft oft schon zu wissen, dass man damit nicht alleine ist und man kann besser damit umgehen.

      1. Danke Dir für Deinen Kommentar! Ich hoffe auch, dass andere Mütter sehen, dass sie nicht allein sind- auch wenn ich solche Nächte keinesfalls wiederholen will, haben sie so doch wenigstens noch etwas Gutes…

  2. Danke für deine ausführliche Antwort! Das mit dem inneren Kind gefällt mir.Das mit dem Cut ist definitiv ausbaufähig. Deine Tips kommen auch gerade rechtzeitig. Gestern kam Kind zwei in unsere Familie gepurzelt. In zwei Stunden war er da, die Hebamme kam zu spät, bin noch völlig überrumpelt und weiß jetzt wieso ich ihn von Anfang an im Inneren Dialog Rumpelchen genannt habe. (-;
    Die erste fiese Nacht mit zwei wachen Kindern im Familienbett habe ich schon hinter mir und die wichtige Erkenntnis, wie simpel, ja fast schon erholsam, es einem auf einmal erscheint ’nur‘ eines der Kinder durch die Nacht zu bringen!
    Ich werde mir jedenfalls im Wochenbett auch ein Auszeitritual ausdenken und bete, dass das neue Kind einen Schnuller nimmt, so dass der Papa mehr aushelfen kann als beim ersten. Nochmal danke für deinen Einblick in euer Familien Leben, ich lese immer wieder gerne hier! (-:

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