Ich. Bin. Da.

Ich. bin. Da.

Mein geliebtes K2. Du bist anders. Du brauchst andere Dinge. Deine Dinge. Und ich verspreche hoch und heilig: Lass die Leute kucken. Und lass sie lästern. Wenn Du weinst, wenn Du Angst hast und wenn Du mich brauchst, dann bin ich da. Dann sitze ich an Silvester mit Dir auf der Treppe und streichle Dir den Rücken. Immer. Indianerehrenwort.

Findet Ihr albern, dass ich das hier schreibe? Habt Ihr vielleicht sogar Recht. Ich habe so einen Brief an mein K1 aber auch schon geschrieben. Nicht veröffentlicht. Aber geschrieben. Und weil ich ziemlich genau meine, was ich sage, kann ich es diesmal auch veröffentlichen. Vielleicht wird auch der Brief an K1 irgendwann publik. Denn so albern das klingt: Es ist schon manchmal wichtig, dass dieses Versprechen bekräftigt wird. Ich. Bin. Da.

Zurück zum Kleinkrümel.

Ich. Bin. Da.
Die zwei Großartigen.

Ein ganz anderes Kind. Ein viel stilleres Kind. Das aber viel mehr gequakt hat, als sein Bruder im selben Alter. Weil er mehr Ruhe brauchte. Und es ist so ein Glück, dass ich mit dem Großkind schon ein bisschen Übung gewonnen habe! Denn in Sachen Achtsamkeit ist der Kleinkrümel manchmal schon Prolevel. Ich bin noch lange kein Pro, aber dem Großkind sei Dank auch kein blutiger Anfänger mehr. Ich erkenne viele der Zeichen und ich deute sie oft richtig. Ich bin gut geworden in kreativen Lösungen und meine Schulter hat eine Rotz-und-Wasser-heul-Hornhaut. Und trotzdem war Silvester wieder so ein Abend, nach dem ich das ganz dringende Bedürfnis habe, in die Welt zu posaunen: Kind, ich bin da!

Denn auf dem Weg zu unseren Lieblingsfreunden krähte der Butterkeks noch vergnügt bei jedem Böller und machte sich auch nicht so viel aus vierzig Fieber. Dort angekommen hatte er seine Hochs und Tiefs, aber nichts, was ein bisschen Kuscheln und Liebe nicht auch wieder gerichtet hätten. Und dann haben mich einfach alle Kräfte verlassen. Nach wenig Schlaf und viel Aufregung war ich plötzlich einfach platt. Und weil ich trotzdem nicht nach Hause wolltekonntesolltewollte, stand ich plötzlich ein Stück neben mir. Statt in mir zu ruhen. Und von diesem Standpunkt aus sah ich mir zu, wie ich mich noch vor zwölf anzog und den Krümel anschnallte. Plan: Kind sieht dem sich steigernden Feuerwerk zu und bekommt so vll weniger Angst. Praxis: Angestoßen wird drinnen und erst wenn die Böllerei im vollen Gange ist geht es raus. Tjanun. Wäre ich bei mir gewesen, hätte ich das Baby geschaukelt. Mich erklärt. Eine Lösung gefunden.

War ich aber nicht.

Stattdessen stand ich erschöpft neben meinen geliebten Menschen, nur kurz angestoßen, weil ich schon Schuhe anhatte und nicht den Teppich versauen wollte und wusste auch nicht so recht. Latsche ohne Vorwarnung mit dem geliebten Kind vor die Tür und -Überraschung- während sein großer Bruder vor Aufregung vibriert und sein Jahreshighlight in Form von Knallerbsen erlebt ist der Kleinwikinger not amused. Lasst uns ehrlich sein: Er hatte Todesangst vor dieser Knallerhölle. Er hat gezittert und geweint und wäre am liebsten postwendend wieder in mich hinein gekrochen. Und ich?

Ich. Bin. Da.
Der Wald vor Bäumen und so…!

Ich war müde. Traurig. Enttäuscht. Ich wollte so gerne bei meinem Mann und dem glücklichen Großkind sein. Ich wollte auch gerne Sekt trinken und Feuerwerk kucken. Stattdessen saß ich unschlüssig mit einem völlig verängstigten Kind auf der Treppe. Da wurde ich gefragt, ob er denn wirklich solche Angst habe? Und bin innerlich explodiert. Wäre ich fit gewesen hätte ich gesagt: „Janee, wir starten jedes Jahr auf der Treppe.“ und hätte den Kleinkeks geknutscht. Ich war aber nicht fit. Und ich bin traurig und verzweifelt aufgestanden, habe sehrsehr böse gekuckt und mich mit dem verängstigten Kind vor die Tür gestellt. Dasselbe wäre beinahe implodiert und nach einer angemessenen Zeitspanne von zehn Millisekunden bin ich wutschnaubend wieder auf der Treppe angekommen.

Genau von dort aus sage ich Dir:

Ich bin für Dich da. Auch wenn ich müde bin. Auch wenn ich gerne mal Dinge versemmle. Unklug handle. Wütend werde. Ich bin da. Ich sitze mit Dir auf der Treppe und wiege Dich. Wenn ich Dir die Angst nicht nehmen kann, dann begleite ich Dich eben hindurch. Es ist egal, wie alt Du bist. Es ist egal, was Du schon könntest, solltest, müsstest. Wir zwei können da sitzen, als hätten wir nie etwas anderes getan. Du darfst weinen. Du darfst fürchten. Und ich darf diejenige sein, die Dir dabei die Hand hält. Das ist ein ziemliches Privileg. Und das wird nicht dadurch geschmälert, dass irgendwer denkt, er wüsste irgendetwas besser. Wir zwei wissen Bescheid. So wie dein Bruder und ich Bescheid wussten. Und wie wir heute manchmal alle vier gleichzeitig Bescheid wissen.

Und das soll so.

Weine immer, wenn Dir danach ist! Schreie, wenn es Dir hilft! Lass Dich nicht beirren.

Und: Bleibe so furchtbar mutig, kleiner Kerl. Mach Dir nichts draus, wenn andere Dich nicht verstehen. Ich habe verstanden, dass Du so unbedingt bei deiner Herde sein wolltest, dass Du, weinend und bibbernd, den Weg nach draußen gemeistert hast. Ich habe gesehen, dass Du Teil haben wolltest und trotzdem vor lauter Angst nicht aufhören konntest zu weinen. Du bist allein nach draußen in die Böllerhölle und du warst kurz bei deinem Bruder. DAS war sehr mutig von Dir.

Ich gebe zu, den Start ins neue Jahr habe ich mir mit ein bisschen mehr Flausch und ein bisschen weniger müde vorgestellt. Aber ich nehme einfach stattdessen ein bisschen Mut vom Butterkeks mit ins neue Jahr. Ich drücke ihn heimlich, wenn er schläft und ich flüstere ihm ins Ohr: Ich. Bin. Da.

Macht das ruhig auch. Ist albern. Aber schön.

Eure Julia

 

 

 

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