Geburtsgedöns

Geburtsgedöns

Ich habe einen richtig richtig guten Satz von Nora Imlau gelesen. Logisch, nicht der einzige von dieser klugen Frau. Aber dieser Satz bringt etwas auf den Punkt, das ich superwichtig finde. Allerdings geht es dabei um das Thema Geburt und normalerweise ist mir das ja deutlich zu persönlich- egal wie lange es zurück liegt. Es ist nichts, was man durch die Gegend tragen muss. Aber: Mit Euch spreche ich ausnahmsweise darüber. Weil mich dieser Satz einfach so umgehauen hat.

Den guten Satz, den hättet Ihr jetzt noch gern gelesen? Na fein, Ihr habt ja Recht.

Heute wissen wir: Wie eine Frau die Geburt ihres Kindes erlebt, trägt ganz entscheidend dazu bei, wie sie in ihre Mutterrolle hineinfindet. Stolz und stark wie eine Löwin – oder verzweifelt und verletzt wie ein geprügelter Hund?“

Findet Ihr gut aber versteht die Aufregung nicht? Erkläre ich gerne. Denn bis ich diesen Satz gelesen hatte, hatte ich wohl schon so ein Gefühl. Was die unterschiedlichen Geburten meiner Kinder anbelangt. Die Zeit danach. Wie verschieden ich mich erholt habe, wie meine Art mit den Kindern umzugehen heute anders ist. Logisch, beim ersten Kind sind wir alle ein bisschen unentspannter und ein bisschen unsicherer. Zum Team Helikopereltern habe ich vermutlich nie gehört, aber irgendetwas hatte sich durch die Geburt des zweiten Kindes fundamental verändert. Tja, und bis ich diesen Satz gelesen hatte, war mir nur unterbewusst und am Rande klar, was das sein könnte. Frei nach Nora Imlau: Ich schätze, ich habe den Hund endlich hinter mir gelassen.

Wuff.

Geburtsgedöns
Es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein. Aber es wird. Definitiv.

Noch nicht immer und in allen Lebenslagen. Aber doch merklich. Vielleicht nicht nach außen, wohl aber nach Innen- nach Außen machen viele Veränderungen kaum einen Unterschied, da sieht es vorher aus wie nachher. Aber die Kraft, die es mich gekostet hat, nicht wie ein geprügelter Hund durch die Welt zu laufen, weil ich die Geburt meines ersten Kindes irgendwie voll versemmelt habe, die nutze ich jetzt für andere lustige Dinge. Meine Familie zum Beispiel. Auch die Energie, die mir inzwischen bleibt, weil ich eben nicht unentwegt in Selbstzweifeln ertrinke, während ich tunlichst versuche, das nicht jedem auf die Nase zu binden, die nutze ich, um zu schreiben zum Beispiel. Auch so intime Dinge wie diesen Text. Die Sicherheit und Ruhe, die ich heute manchmal genieße, die nutze ich, um anderen Eltern zu sagen: „Es ist nicht immer alles in Butter. Es läuft auch in dieser Familie oft was schief.“ Damit mache ich mich verletzbar und bisweilen kassiere ich auch die eine oder andere Breitseite. Aber es bringt mich nicht mehr zum Kentern, wenn jemand von (B-)E(r)ziehung eine andere Vorstellung hat als ich.

Ich gebe Euch uneingeschränkt recht, wenn Ihr es jetzt etwas übertrieben fändet, das ALLES auf eine Geburt zurückzuführen. Vieles hat einfach mit gesammelten Erfahrungen und Zeit zu tun. Überhaupt sind Kinder die besten Lehrmeister der ganzen Welt, logo! Aber den Grundstein dieser Metamorphose, den legt sehr wohl eine einzige Geburt. (Und jetzt Obacht, es könnte ein bisschen esoterisch werden!) Es ist nämlich so, dass nicht nur die Geburt des ersten Kindes wirklich etwas Besonderes ist, weil man das nienienie wieder um erste Mal tun wird. Sondern auch das erste Mal Mutter* werden, wird man nienienie wiederholen können. Und dieses Mutterwerden hat einfach sehr viel mit dem zurückliegenden Geburtserlebnis zu tun. Ob man das jetzt ein bisschen esoterisch findet oder nicht- wenn ein Mensch müde aber glücklich das erste Mal sein Kind im Arm hat, sind das andere Voraussetzungen für Elternschaft, als ein Mensch, di*er todunglücklich neben diesem Kind liegt und gar nicht weiß, wie das alles so schief laufen konnte.

Eltern werden -Eltern sein

Geburtsgedöns
Manchmal sind es eben nicht die „harten Fakten“

Faktisch ist dabei der Geburtsverlauf nebensächlich. Denn ich rede mal wieder nicht von überprüfbaren Daten und Excel Tabellen, sondern vom Gefühl, das so ein gebärender  Mensch nach der Geburt hat. Davon, ob si*er das Gefühl hat, hart gekämpft zu haben, ein gutes Stück Arbeit hinter sich zu haben oder einfach: Ob si*er glaubt, dieses Geburtsding GUT gemacht zu haben. Ich weiß schon, dass wir uns alle davon lösen müssen, nach Außen wie so ein Hund beim Stöckchenwerfen zu fragen: „Hab ich es gut gemacht? Ja? Ja?“ Aber in manchen Situationen bin ich so offen, wund und verletzlich, dass es anders gar nicht geht. Weil ich (entgegen allen Vermutungen) eben auch nicht alles weiß, weiß ich manchmal nicht: War das jetzt richtig? Hat meine Mühe gereicht? Ist das am Ende alles gut geworden? Und jetzt kommt`s: Die Geburt IST so ein verletzlicher Moment.

(Einen wirklich berührenden und so unfassbar treffenden Beitrag dazu hat die wunderbare Oeko-Hippie-Rabemutter Kathrin geschrieben. Read!)

Und wer auch immer die Macht hat, einer Mutter nach der Geburt ihres Kindes das Gefühl zu geben, sie hätte es gut und richtig gemacht, di*er sollte das tun. Di*er sollte das tun und sich bewusst werden, welche Macht über den Start der Eltern in ihr neues Leben mit Kind si*er hat. Denn ich versichere Euch aus eigener Erfahrung: Dieses Gefühl lässt einen nicht mehr los, im Guten wie im Schlechten. Und Ihr könnt mich steinigen, wenn Ihr wollt, ich weiß selbst sehr gut, dass es unsinnig ist aber: Meine unterschiedlichen Geburten beeinflussen mein Verhältnis zu diesen drei Kindern, die unterschiedlicher vermutlich ohnehin gar nicht sein könnten. Ich will Missverständnisse vermeiden: „Beeinflussen“ bedeutet nicht „Bestimmen“. Aber hin und wieder ertappe ich mich bei Dingen, die ganz einfach damit zu tun haben, dass ein leises, heimliches und verschämtes Grundgefühl zu einem der Kinder sich Platz und Luft verschafft. Die Aktion des einen Kindes macht mich fuchsteufelswild  und ich  frage mich, warum ich schon wieder als Versager dastehen muss, was ich diesmal wohl falsch gemacht habe und überhaupt. Gleiche Aktion, anderes Kind: Mildes Lächeln und ein Schulterzucken. Tjanun.

Wird schon werden.

Geburtsgedöns
Diese wunderbar unterschiedlichen Kinder. Diese wunderbar unterschiedlichen Geburten.

Wieder zur Deutlichkeit: Es geht nicht darum, ein Kind mehr oder weniger zu lieben. Es geht auch gar nicht darum, äußerlich anderes auf gewisse Dinge zu reagieren. Es geht nur darum, was ich mir innerlich denke, wenn ich zu einem meiner Kinder sage: „Ich verstehe das.“ Oder was ich fühle wenn ich zum hundertsten Male dieselbe Sache zu verbieten versuche (Sehr witzig. Als hätte das je funktioniert. Aber ich bin immer wieder mal so verzweifelt, dass ich es versuche.). Ob ich mich frage, warum ich schon wieder scheitere oder ob ich tief im Inneren von der Gewissheit zehre, dass ALLE Kinder viele Dinge tausend Mal hören und doch nicht glauben. Es macht für die Kinder vielleicht keine Unterschied, warum ich sie so nerve. Aber für mich und meinen Kräftehaushalt macht es einen riesigen Unterschied.

Dazu gehört übriges auch: Sich nicht ohne Not völlig zu verausgaben und auszulaugen. Erkennen zu können, wann das Kind der belastbarere Part von zweien ist oder wann mensch einfach eine Auszeit braucht obwohl das gerade arg ungünstig ist. So eine Art MiniMax-Prinzip der Elternschaft zu etablieren ist sehr schwer, wenn sich ohnehin völlig unzulänglich fühlt und glaubt, eine schwierige Geburt wieder „gut machen“ zu müssen. Eine Abgrenzung, die für alle Beteiligten so wichtig ist, geht gar nicht, wenn mensch sich nicht vernünftig von diesem Geburtsgedöns abgenabelt hat. So viel ist quasi unmöglich, wenn ein Elternteil nicht die eigene Rückendeckung hat, es gut genug gemacht zu haben. Und die kommt einfach, so frisch nach einer Geburt, davon, wie eine Mutter* die Geburt und ihre Rolle dabei erlebt hat.

R-E-S-P-E-C-T

Ich spreche nicht davon, ob die Wände im Kreißsaal gelb oder weiß sind. Aber ein respektvoller Umgang der Hebamme mit mir macht schlicht und einfach, dass ich mich auch mit drei Litern Fruchtwasser zwischen den Beinen noch ein bisschen fühle, wie ein Mensch. Ein Arzt oder eine Ärztin, di*er fragt, ehe er oder sie mich untersucht, lässt mir die Hoheit über meinen Körper. Denn es ist ja meiner. Und ein Partner, der mich stützt und ernst nimmt, zeigt damit, dass er mir vertraut. Dass ich das schaffe. Wie auch immer das am Ende aussehen mag.

Geburtsgedöns
Halt und rückhaltlose Liebe auf zwei Metern Länge an zwei kleinen Ankern.

All das scheint nach Außen hin sehr kleinlich und nebensächlich. Wenn es aber soweit ist, das könnt Ihr mir glauben, dann ist es nicht mehr nebensächlich, ob ein Mensch sich während der Geburt ernst genommen fühlt. Denn wir werden ja ziemlich lange und ziemlich intensiv gebraucht- NACH der Geburt. Und wenn wir all unsere verbleibende Kraft brauchen, um unsere Wunden zu lecken, dann bleibt da nicht mehr viel Kraft fürs Baby. Aber wir  beide brauchen mich- ich mich selbst genauso, wie das Baby mich braucht. Eins ohne das andere ist schwer. Darum wünsche ich mir für alle Mütter und denen, die es werden, dass sie selbst sich gut behandeln können. Dass sie gut behandelt werden. Und dass di*er eine oder andere über Nora Imlaus Zitat nachdenkt. Einfach eine Sekunde länger als sonst. Vielleicht macht es „Klick“.

Küsst Eure Kinder und seid gut zu Euch- und küsst sie, diese wunderbaren Wesen!

Eure Julia

* Ich schreibe im Folgenden ganz furchtbar oft „Mutter“ und rede von „Frauen“, die gebären. In anderen Texten gelingt es mir besser, ALLE Menschen einzubeziehen, die ein Elter sind oder ein Kind zur Welt gebracht haben- dieser hier ist in der Hinsicht ziemlich verbesserungswürdig. Ich meine wirklich ALLE Menschen, aber vielleicht liegt es daran, dass ich hier Persönliches preis gebe: Ich scheitere bislang furios daran, alle betreffenden Formulierungen zu ändern. Das ist scheiße und ich hoffe, sobald das Ding erstmal raus ist, schaffe ich es nach und nach, bessere Formulierungen zu finden UND auch umzusetzen!

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